Welttag der Suizidprävention – Meine Suizidversuche

Triggerwarnung: Der folgende Blog-Eintrag ist am 10. September 2020 online gegangen. Heute ist der Welttag der Suizidprävention. Sollte Dich das Thema triggern, bitte ich Dich, nicht weiterzulesen.

Solltest Du das Gefühl haben, Hilfe zu brauchen, findest Du diese bei der Telefonseelsorge:
https://www.telefonseelsorge.de/international-helplines/

Desweiteren habe ich für Angehörige einen Blog-Eintrag verfasst, wie man Suizidabsichten erkennen kann und was man tun sollte:
https://kleinekaeferin.blog/2020/09/10/welttag-der-suizidpraevention-anzeichen-und-hilfe/
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Du bist nicht alleine und Du kannst den Kampf gegen die Ausweglosigkeit gewinnen!

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05. November 2014 + 13. bis 19. April 2015

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Bald sechs Jahre ist mein erster Suizidversuche her, etwa 5 1/2 Jahre der zweite.
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Ich kann mich an den ersten Suizidversuch noch genau erinnern. Stundenlang saß ich in dem Gästezimmer meiner Eltern und wartete darauf, dass beide endlich nach oben in ihr Schlafzimmer verschwinden und schlafen gehen. Gegen 22 Uhr klopfte mein Vater nochmal um mir eine gute Nacht zu wünschen. Hätte er gewusst, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon wusste, dass ich versuche mir das Leben zu nehmen… er hätte vermutlich versucht etwas dagegen zu unternehmen.
Irgendwann nach Mitternacht verschwand dann auch endlich meine Mutter ins Bett.
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Zu dieser Zeit wohnte ich quasi wieder bei meinen Eltern. Offiziell war ich weiterhin in Berlin, in der gemeinsamen Wohnung von meiner besten Freundin und mir, gemeldet, aber Ende 2014, verbrachte ich die meiste Zeit über 500km entfernt, im Elternhaus. Erst immer nur dann, wenn ich in NRW arbeiten musste, später war ich auch so immer häufiger und länger dort. Zu dem Zeitpunkt meines ersten Suizidversuches war in meinem Leben alles schief gelaufen, was schief laufen konnte.
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März 2014 war ich mit meiner besten Freundin nach Berlin direkt an den Kotti gezogen. Am Anfang war alles super. Ich hatte mein Freiberuflerleben gerade auf die Beine gestellt, wollte meinen Schulabschluss nachholen und hatte schnell neue Kontakte geschlossen. Leider kippte alles schon Ende April, Anfang Mai zum negativen. Meine Schulerfahrungen von früher, wurden in der Abendschule so sehr getriggert, dass ich mich von jetzt auf gleich, nach Jahren wieder selbstverletzt hatte. Es folgten Monate der Depressionen, Essstörungen, selbstverletzendem Verhalten, etc. Irgendwann hatte ich die Abendschule abgebrochen, hatte meine Aufträge abgesagt und war bei meiner besten Freundin verschuldet, weil ich die Miete nicht mehr zahlen konnte. Ich hatte das Gefühl alleine zu sein mit meinen Problemen und nicht die Hilfe zu bekommen, die ich gebraucht hätte.
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So summierten sich alle Probleme solange auf, bis ich in der Nacht vom 5. auf den 6. November 2014 einen ersten Suizidversuch unternahm.
Nun war meine Mutter vor etwa 30 Minuten im Schlafzimmer verschwunden und es schien, als würden meine Eltern schlafen. Ich konnte mich endlich umbringen.
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Das genaue wie, werde ich an dieser Stelle auslassen. Tatsache ist: Mitten im Suizidversuch merkte ich, dass ich es auf diese Art nicht schaffen würde, den Suizid wirklich zu vollenden. Ich war selbst für einen Suizid zu dumm und schwach. Konnte ja sonst schon nichts in meinem Leben, aber selbst zum sterben, hat es nicht gereicht.
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Am nächsten Morgen bin ich aufgestanden und habe getan, als wäre nie etwas gewesen. Ich war Abends sogar auf dem Linkin Park-Konzert, das mir mein Bruder zum Geburtstag, Monate zuvor, geschenkt hatte.
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Eigentlich besserte sich meine Situation in den folgenden Monaten. Ich zog zurück zu meinen Eltern, hatte wieder Aufträge und fühlte mich langsam besser.
Im April 2015 ließ ich mich aber von einer Sache nochmal so triggern, dass ich einen zweiten Suizidversuch unternahm.
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Ich weiß noch, warum ich mir damals das Leben nehmen wollte. Ich werde es an dieser Stelle allerdings nicht näher ausführen, was die Gründe waren, weil Menschen aus meinem Umfeld involviert waren. Die Art und Weise war die Gleiche wie beim ersten Mal, allerdings muss ich sagen, ist sonst nicht viel in Erinnerung geblieben. Aus welchen Gründen auch immer, ist der zweite Versuch nur noch ganz blass in meinem Kopf. Ich weiß, warum und wie, aber sonst nichts. Nicht mal das ganz genaue Datum erinnere ich. Ich kann nur einen ungefähren Zeitraum von einer Woche, in der es passiert sein musste, ausmachen, weil ich die Woche danach arbeiten musste.
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Ich erinnere mich, wie ich in der Woche drauf, die Spuren meines Suizidversuches verdecken musste, damit die Kunden es nicht sehen. Ich musste Teile meiner Geschichte verstecken. Tagsüber immer ein Lächeln im Gesicht, abends musste ich die Überbleibsel meines Suizidversuches versorgen und pflegen. Nur durch diese Erinnerung kann ich noch ausmachen, in welcher Woche der zweite Suizidversuch stattgefunden hatte.
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Vielleicht fehlt mir die Erinnerung, weil ich diesen Suizidversuch nie so richtig ernst genommen habe. Irgendwie war es immer „der Suizidversuch, der gar nicht so richtig ernst gemeint war“.
„Also, wenn ich gewollt hätte, hätte ich von Anfang an effektiver agieren können.“
Das war in etwa das, was ich Jahrelang über diesen zweiten Versuch gedacht habe. Mittlerweile sehe ich das Ganze etwas anders. Ja, ich hätte „effektiver“ agieren können, wenn ich wirklich sterben hätte wollen. Doch ein Suizidversuch ist ein Suizidversuch und wird immer ein solcher bleiben. Egal, wie ernst man ihn meint, oder wie „effektiv“ man ihn angeht. Der Gedanke sein Leben zu beenden und dann Taten zu unternehmen, die zum Tode führen KÖNNTEN, bleiben ein Suizidversuch.
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In beiden Fällen habe ich mit niemandem darüber geredet. Ich habe mein Leben weitergelebt, als wäre nie etwas gewesen. Ich bin arbeiten gegangen, habe Freunde getroffen und mit meinen Eltern für ein gutes 3/4 Jahr zusammen unter einem Dach gelebt. Ich hatte niemandem erzählt, an welchem dunklem Moment ich in meinem Leben war… und das zwei Mal.
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Einige Monate später habe ich das erste Mal, anonym, auf Instagram und meinem damaligen Blog über meinen Suizidversuch gesprochen. Damals habe ich das alles nur angedeutet dargestellt. Ausgesprochen, was es wirklich war, habe ich nicht. Das hat Jahre gedauert. Leider kann ich heute nicht mehr erinnern, wann ich, wie genau, offen erzählt habe, dass ich zwei Suizidversuche überlebt habe. Ich meine, es wäre als erstes über Instagram passiert.
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Irgendwann, lange Zeit nach den Versuchen, habe ich es meinen engsten Freunden „angedeutet“. Es hat Jahre gebraucht, bis ich sicher wusste, dass mein engster Freundeskreis weiß, dass ich zwei Suizidversuche überlebt habe. Und auch heute bin ich unsicher, ob ich es je klar ausgesprochen habe, oder ob die Betreffenden es auch über Instagram/Youtube und meine Andeutungen erfahren haben. Es beim Namen nennen fällt schriftlich zehntausend mal einfacher, als von Angesicht zu Angesicht.
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Heute bin ich 26 Jahre jung und Überlebende. Überlebende von zwei Suizidversuchen. Für Menschen, die so etwas nie am eigenen Laib erfahren mussten, klingt sowas oft übertrieben und irgendwie pathetisch. Für Menschen, die selbst durch ähnlich dunkle Zeiten gehen mussten, ist oft verständlich warum man den Begriff „Überlebende“ wählen kann und sollte.
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Etwas überlebt haben, wird oft mit einem schweren Kampf gleichgesetzt. Nichts anderes sind Suizide. Die wahrscheinlich schwersten Kämpfe, die Menschen kämpfen können. Gegen den eigenen Kopf ankämpfen und die Oberhand über die dunkle Stimme im Kopf gewinnen, ist schwieriger, als die meisten Leute meinen. Die einen gewinnen den Kampf, in dem sie weiterleben. Die anderen, in dem sie von ihrem Leid befreit sind.
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Ich habe den Kampf überlebt…indem ich weiterlebe. An vielen Tagen weiß ich, warum es gut ist, dass ich den Kampf überlebt habe. Doch an manchen Tagen frage ich mich auch heute noch, wieso ich damals überlebt habe. Der Kampf gegen die eigenen Suizidabsichten ist ein Lebenslanger Kampf. Egal wie viele Jahre seit dem Suizidversuch vergangen sind: Die Erinnerung an den größten Kampf des Lebens, wird man für immer in sich tragen.

Schon mal beim pinkeln, vor Schmerzen fast von der Toilette gefallen?

Da ist er wieder… dieser Schmerz im Bauchraum, der alles zusammen ziehen lässt. Der dafür sorgt, dass ich nun wieder in Embryonalstellung auf dem Sofa liege, nachdem ich mit Mühe und Not noch meinen Weg zur Toilette, zur Mikrowelle und zurück zum Sofa geschafft habe. Fünf Minuten auf den Füßen und einen Kreislaufabsacker später, liege ich also wieder.

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Der Schmerz hat sich die letzte Stunde über angekündigt. Auch wenn ich sonst nichts mehr an Wehwehchen meines Körpers deuten kann, weil mein Körper und sein Verhalten sich in den letzten 6 Monaten radikal geändert haben, so erkenne ich diesen Schmerz wieder. Genau dieser Schmerz war es, der mich am 05.06. nach Stundenlanger Qual dazu brachte, in der Notaufnahme vorstellig zu werden und dann sechs Tage stationär zu bleiben. Ohne Ergebnisse.

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Mittlerweile, fast drei Monate später, weiß ich woher die Schmerzen kommen. Endometriose ist das Stichwort. Die Zysten und die Anamnese waren so klar, dass die Ärztin im Endo-Zentrum sich seeeehr sicher ist. Die abklärende Bauchspiegelung wurde ja leider um vier Wochen verschoben. Mittlerweile bereue ich es zu tiefst, dem Familienurlaub eine Chance gegeben und nicht den Ersatz-Op-Termin wahrgenommen zu haben. Erstes ist kläglich gescheitert, zweites hätte für Klarheit und Schmerzerleichterung gesorgt.

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Nun warte ich seit fast zwei Wochen auf meine Tage, die nicht kommen wollen, obwohl sie die letzten Jahre auf den Tag genau kamen. Der Stress der letzten Wochen und Monate war dann jetzt wohl zu viel. Des Öfteren dachte ich in den vergangenen zwei Wochen, ich würde meine Tage bekommen, jedes Mal blieben sie aber aus und ich mit dem Zweifel zurück, ob ich meinen Körper überhaupt noch deuten kann.

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Ich trau mich mittlerweile kaum noch aus dem Haus, weil ich nicht weiß, wann die Schmerzen das nächste mal zuschlagen und wann ich meine Tage bekomme. Gestern musste ich auf einem Campingplatz arbeiten, ohne direkte Toiletten-Erreichbarkeit. Das hatte schon ein bisschen was von einem Thriller. Wird sie es überleben oder nicht? Hat sie. Aber der Nervenkitzel war den ganzen Tag da.

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Und auch diesmal muss ich mir Kommentare anhören wie: „Leg die Füße hoch, mach dir ein Kirschkernkissen warm und entspann dich einfach“

„Entspann dich einfach.“ Ich krieg bei dem Kommentar echt das kalte kotzen.

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Die Schmerzen sorgen dafür, dass ich mir denn Gang zur Toilette genau überlege. Den Gang, der mittlerweile fast auf die Minute genau, alle zwei Stunden ansteht, weil ich seit Wochen so einen Druck auf der Blase habe. Ich führe mittlerweile Tagebuch wie häufig ich die Toilette aufsuche, weil ich dachte, ich würde mir das einfach einbilden, dass es so oft geworden ist. Nein, tue ich nicht. Alle zwei Stunden, fast auf die Minute genau, sagt meine Blase nun hallo. Mittlerweile werde ich auch nachts wach, weil die Blase drückt, aber da schaff ich es auf durchschnittlich immerhin noch etwa fünf Stunden.

Letztes Jahr noch, reichte es mir, wenn ich morgens einmal gegangen bin, mittags irgendwann und abends vor dem Zubettgehen. Ich gehörte nie zu den Frauen, die Sorgen haben mussten, dass sie in der Nähe kein Klo finden. Mittlerweile krieg ich Panik, wenn ich weiß, es ist kein Klo verfügbar für die nächsten Stunden.

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Die erste Hälfte des Tages war normal. Ich hatte früh morgens das Gefühl, meine Tage könnten sich ankündigen, dann viele Stunden nicht mehr und plötzlich zum Abend hin, tauchte dieser Schmerz wieder auf. Nun kann ich nicht mehr gehen, nicht mehr aufrecht stehen und eigentlich nur mit angewinkelten Beinen liegen oder sitzen.

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Gerade eben bin ich zur Toilette, weil die Blase so drückte. Raus kam gefühlt wieder nichts… dafür sackte der Kreislauf zusammen und für einen Moment dachte ich, ich breche gleich auf dem Klo zusammen. Klasse Vorstellung beim pinkeln von der Toilette zu fallen. Fast so gut, wie die Angst, man wird Stück für Stück inkontinter.

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Als ich zurück aus dem Bad kam, wollt ich mir mein Kirschkernkissen warm machen, das entspannt zumindest ein wenig die Muskulatur und macht es etwas erträglicher… tja, ich hab es geschafft, die zwei Meter vom Sofa zur Mikrowelle zurückzulegen, das Kissen in die Mikrowelle zu legen und diese auf drei Minuten einzustellen. Die drei Minuten hing ich dann auf die Arbeitsplatte meiner Küchenzeile gelehnt, in der Hoffnung, nicht zusammen zu klappen, oder mich zu übergeben. Gleichzeitig mit dem Stoßgebet, dass die Schmerzen bitte so bleiben und nicht wieder vollkommen eskalieren.

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Ich hab es auf mein Sofa zurück geschafft. Nun sitze ich hier gekrümmt und schreibe diesen Post. Und währenddessen versuche ich den idealen Grad der Krümmung zu finden, an dem die Schmerzen erträglicher sind, ich mich aber nicht übergeben muss, weil mir der Magen so krass abgedrückt wird.

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Ich habe fürchterliche Angst davor, dass meine Tage jetzt doch noch vor der Op kommen. Mittlerweile wünsche ich mir, dass mein Zyklus so raus ist, dass die Op vor meiner Periode kommt und ich nach der Op dann direkt auf meine neuen Medikamente eingestellt werden kann.

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„Entspann dich mal…“ Das würde ich gerne mal zu den Leuten sagen, wenn sie in meiner Situation wären. Aber ich wünsche es niemandem auf dem Klo zu sitzen und Angst haben zu müssen, dass man beim Urinieren von der Schüssel kippt, weil der Körper und vor allem die Erkrankung, so komische Dinge mit einem machen.

Wenn Covid-19, psychische Erkrankungen und Endometriose auf einander treffen…

Triggerwarnung: Essstörung und andere psychische Erkrankungen.

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Seit etwa 15.45h am gestrigen Tage, sitze ich nun in meinem Zimmer. Mittlerweile über 20 Stunden. Ich ertrage die Nähe zu meiner Familie nicht mehr. Vermutlich auch bedingt durch meine sich ankündigende Periode und dass ich darüber mit Gott und der Welt sprechen kann, aber keinen Bock habe mit meiner Familie zu diskutieren, wie es mir gerade geht..

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Beschissen geht es. Körperlich, aber vor allem mental. Ich will gerade nur noch in meiner Wohnung sitzen und alleine sein. Mich nicht vor meiner Familie verstecken müssen, weil ich aggressiv werde, wenn ich sie sehe.

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Vor etwa einer Stunde sind sie los zum Strand. Ich habe meine Ruhe. Konnte mal kurz runter gehen und meinem Frustfressen voll nachgeben. Das nennt man übrigens Frühstück. Ich hab die letzten Tage nur so „normales Zeug“ wie Joghurt und Brötchen gegessen, weil ich mit meiner Familie gefrühstückt habe. Ich frühstücke sonst so gut wie nie und vor allem nie sowas. Meist esse ich erst um 12 und dann ist es meist schon Mittagessen. Ich habe also nun drei Tage gefrühstückt, wie ich es sonst eigentlich nie tue.

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Jetzt leide ich auch noch vor mich hin, weil die Schmerzen und der Bauch Theater machen, aber auch nicht richtig. Sprich ich weiß, dass ich jetzt heute meine Tage bekommen müsste, aber sie kommen halt eben nicht. Ich bin also auch noch hochgradig von meinem Körper genervt. Frustriert, wie diese ganze scheiße seit Anfang Juni sich entwickelt hat. Krankenhausaufenthalt, Diagnose der Endometriose, mögliche Begleitsymptome, geplante Op, um vier Wochen verschobene Op, …

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Und gleichzeitig sehe ich meinen Kontostand: 300€. Auf dem Ec-Konto kann ich 200€ minus machen, auf dem Kreditkarten 100€ Minus. Ein paar Wochen komm ich damit noch hin, aber schön ist das alles nicht. Arbeiten gehen kann ich aktuell auch nicht wirklich. Ich kann einzelne Tage zusagen, alles Richtung Festanstellung, etc kann ich aktuell vergessen. Ich brauch mich nirgends bewerben, weil ich vor Ende September in keinem Fall arbeiten kann. Wenn die Op wieder verschoben wird, dann noch später.

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Hartz4 hätte ich vor Monaten beantragen sollen, damit es nicht so eskaliert. Jetzt ist es eh schon zu spät. Kind liegt schon im Brunnen. Da machen die paar Euro auch keinen Unterschied mehr. Bis Ende des Jahres kann ich meine Schulden beim Staat eh nicht mehr ausgleichen.

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Letztes Jahr habe ich gesagt, dass ich nach Jahren der Angst und der Tiefschläge, endlich sagen konnte: „Ich mag mein Leben. Das ist gut so wie es ist.“ Ich ziehe diese Aussage zurück. Ich finde mein Leben so richtig scheiße und alles andere als Lebenswert.

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Eigentlich könnt ich auch sagen: „Hallo Depressionen. Hab euch nie vermisst und wollte euch nie wiedersehen. Erinnert ihr euch dran, wie ich mal sagte, dass ich das nicht nochmal durchmache, was ich bisher schon durchmachen musste? Glaubt mir, liebe Depressionen, wäre Sterbehilfe in Deutschland legal, ich würde es nutzen. Nach all den Jahren reicht es mir. Ich hab keinen Bock erneut mit euch leben zu müssen. Entweder tut sich auf magische Art und Weise ein Problemlöser für mich auf… oder wir lösen Probleme bald wieder auf unsere Art und Weise. Aber so, ertrage ich das nicht mehr lange…“

Meine Patientenverfügung und wieso ich nicht um jeden Preis leben will

Hast Du dir schon mal Gedanken dazu gemacht, was mit dir passieren soll, wenn Du durch einen Unfall, eine Op oder schwere Erkrankung in Not gerätst und dein Leben am seidenen Faden hängt? Sollen die Ärzte und Rettungskräfte alles tun, was in ihrer Macht steht und dich zur Not künstlich am Leben halten? Oder sagst Du, Du willst nicht zur Matschkartoffel werden und Jahrzehnte vor dich hinsiechen?

Die Frage habe ich mir bereits vor über 10 Jahren gestellt. Damals, als ich den ersten schweren Schub meiner psychischen Erkrankungen hatte, habe ich für mich entschieden, dass ich nicht um jeden Preis am Leben gehalten werden will. Damals habe ich meine erste Patientenverfügung erstellt, nur war diese damals nicht gültig, da ich noch Minderjährig war. Über die Jahre und besonders mit einsetzen der Volljährigkeit, habe ich regelmäßig meine Verfügungen aktualisiert und überdacht.

Viele Jahre war für mich klar: Sehen die Ärzte eine Chance auf ein „normales“ Leben ohne schwerste Behinderungen, egal ob geistiger oder körperlicher Natur, so sollen sie tun, was zu tun ist. Mich reanimieren, mich künstlich beatmen, ernähren, …
Ich wollte nicht um jeden Preis am Leben gehalten werden, aber auch nicht sterben, wenn es eine Chance auf‘s Leben gibt.

Irgendwann habe ich meine Sicht auf die Dinge geändert. Radikal.

Ich wünsche keinerlei Lebenserhaltende Maßnahmen.

Keine Reanimation, keine Beatmung, keine Ernährung, nichts. Einzig eine Schmerztherapie dulde ich, um nicht in der letzten Zeit auch noch leiden zu müssen.


Diese Sicht habe ich 2017 zum Ausdruck gebracht, als ich das erste Mal in meinem Leben, meine Familie als Bevollmächtigte unterschreiben lassen habe. Jede Verfügung zuvor war von mir unterschrieben und auch auf die Familie ausgestellt, aber nie von dieser unterschrieben worden. Ich hatte im Organspendeausweis immer die Notiz, dass es die Unterlagen gibt, damit es nicht heißen würde: Aber es wusste doch niemand davon.

Heute habe ich die Unterlagen erneut unterschrieben. Überall steht ein neues Datum und eine erneute Unterschrift, über oder unter der alten Unterschrift. Einmal mehr habe ich bekräftigt, dass dies mein Wille ist.
Wieso ich das ausgerechnet heute getan habe?
Im Zuge der Op-Aufklärung kam in einem Fragebogen für die Anästhesie, die Frage, ob es Verfügungen gibt. Da ich diese angegeben habe, musste ich sie nun raussuchen um sie morgen mit in die Klinik zunehmen. Um auf Nummer sicher zu gehen, habe ich sie mir nochmal durchgelesen und erneut unterzeichnet. So weiß auch jeder, dass es mir Ernst um diese Angaben ist.

Für viele, gerade jüngeren Alters, ist dies nicht nachzuvollziehen. Viele Menschen um mich herum haben noch nicht mal solche Verfügungen, geschweige denn, dass sie mal drüber geredet haben, was sie sich wünschen würden. Ich habe Freunde, die mir ins Gesicht sagten: „Ich will mich damit nicht beschäftigen. Ich finde das ein so trauriges Thema.“ Ich wünsche diesen Menschen, dass sie ihren Familien so sehr vertrauen, dass diese für sie entscheiden könnten. Für mich und meine Familie war das nie so klar. Ich war mir nie sicher, ob sie in meinem Sinne entscheiden würden. So war es für mich also auch immer klar, diese Sachen selbst in die Hand zu nehmen, zu entscheiden, festzuhalten und auch drüber zu reden.
Meine beste Freundin hat von mir definitiv schon mal gehört, dass ich nicht um jeden Preis am Leben gehalten werden möchte. Vor allem aber weiß sie, dass es die Verfügungen gibt. Ein Mensch mehr, der im Zweifel sagen könnte: „Marie hat alles geregelt.“

Wieso möchte ich keinerlei Lebenserhaltende Maßnahmen?

Ich werde in wenigen Wochen 26 Jahre alt. Gleichzeitig bin ich mittlerweile über 13 Jahre psychisch erkrankt. Vor über 13 Jahren haben sich die ersten Symptome entwickelt. Heißt am Ende des Tages nichts anderes als: Über die Hälfte meines Lebens muss ich gegen die Dämonen meiner Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft kämpfen. Über die Hälfte meines Lebens lebe ich ein nicht wirklich altersgerechtes Leben. Meine erste Liebe war, glaube ich, das einzige, was normal an mir war. Ich habe keine wirkliche Jugend erlebt, denn zu der Zeit habe ich das erste Mal gegen Suizidgedanken gekämpft und war in der Psychiatrie. Als ich 18 wurde, stand ich nicht vor der Frage: Was willste jetzt nach der Schule machen? Ich war schon 3 Jahre aus der Schule raus, hatte keinen Schulabschluss und habe durch Zufall einen Job gefunden für den ich mich selbstständig gemacht habe. Mit 18 musste ich mein Freiberuflerleben organisieren, während andere durch die Welt reisten, oder sich Gedanken machten, was sie nun studieren sollen. Mit 25 Jahren stand ich auf eigenen Beinen, war von niemandem abhängig und kam zum ersten Mal so richtig mit dem Leben klar… und dann kam Corona und nahm mir wieder alles weg.

Dazwischen liegen unzählige Tage, an denen ich mich auf viele erdenkliche Arten und Weisen selbstverletzt habe. An denen ich bewusst gehungert habe. An denen ich alles greifbare an Essen in mich gestopft habe. Tage, an denen ich heulend im Zimmer lag und keine Luft mehr bekam, weil ich wieder eine Panikattacke hatte. Tage, an denen ich auf der Autobahn bei 150km/h überlegt habe, einfach das Lenkrad loszulassen. An denen ich nicht über eine Brücke gehen konnte, ohne nicht den Gedanken zu haben, hinunter zu springen. Und die Tage, an denen ich mir versucht habe die Pulsadern aufzuschneiden. Tage, an denen ich mit meinem Leben abgeschlossen habe.

Gerade erst, vor zwei Wochen etwa, telefonierte ich mit meiner Mutter und irgendwann brach es aus mir heraus, wie sehr ich die aktuelle Situation hasse. Aber vor allem, dass ich nicht verstehe, wieso ich immer und immer wieder in meinem Leben kämpfen muss. „Ich habe genau das gleiche schon zu Bekannten gesagt. Ich verstehe nicht, wieso dich das eigentlich immer alles so trifft. Wieso Du immer so viele kämpfen musst und es nicht mal einfach haben kannst.“ Das sagte meine Mutter zu mir. Die Frau, die mich 25 Jahre in diesem Drama erlebt hat. Die viel auch mit an diesem Drama Schuld hat. Aber selbst sie sieht, dass es ganz schön auffällig ist, wie viel ich in meinem Leben kämpfen musste.

„Es gibt eben Menschen, denen fällt das Glück in den Schoß und es gibt die, die für jedes kleine bisschen Glück kämpfen müssen. Aber das sind dann auch die wahren Kämpfer des Lebens.“ Diese und ähnliche Aussagen habe ich schon so oft gehört, ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft. Doch was ist, wenn ich nicht diese „wahre Kämpferin“ sein will? Wenn alles wonach ich mich sehne, ein langweiliges Leben ist?

Ich habe so viel durchgemacht und war an den tiefsten Punkten, die das Leben zu bieten hatte. Ich habe zwei Suizidversuche hinter mir, die niemand mitbekommen hat, bis ich irgendwann davon berichtet habe. Ich habe den Abgrund nicht nur gesehen, ich bin hinein gesprungen. Mich hat nur damals so ein blöder Felsvorsprung davon abgehalten, unten auf den Boden aufzuschlagen.

Klar könnte ich sagen: Ich kann als Vorbild für andere durch die Welt gehen und sagen, dass man das überleben kann und da wieder raus finden kann…hab ich ja oft genug. Aber was ist, wenn ich müde vom kämpfen bin und nicht mehr um jeden Preis kämpfen will?

Wenn ich mir aktiv versuche das Leben zu nehmen und das jemand mitbekommt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass ich mich in einer Klinik wiederfinde und mir die Kontrolle über mein eigenes Leben abgesprochen wird, vor allem aber andere über mich und mein Leben entscheiden. Etwas, was ich nie wollte und auch weiterhin nicht will. Geht in der Op etwas schief, ich habe einen Unfall oder werde plötzlich schwer krank, so nehmen mir andere Leute die Entscheidung über mein Leben nicht mehr ab, weil ich die Verfügungen habe. Ich habe entschieden, wie ich in solch einem Fall behandelt werden möchte. Diese Entscheidung treffe ich und niemand anderes für mich.

Ich kämpfe jeden Tag gegen meine Dämonen aus der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft und ich kämpfe jeden Tag gegen die verführerische Dunkelheit, die aus dem Abgrund hoch ruft, dass ich es bei ihr doch so viel besser habe.
Doch in Situationen, in denen ich nichts dazu beigetragen habe, dass sie sind wie sie sind, möchte ich nicht mehr zum kämpfen gezwungen sein. Dann möchte ich einfach in Ruhe und Frieden sterben dürfen.

Nicht dass ich darauf hoffe, dass die Op morgen schief geht.. aber es ist gut zu wissen, dass man im blödesten Falle nicht mehr kämpfen muss, sondern den Kampf ein für alle male beenden kann.

Wenn man nur einen Link auf Facebook teilen will und einen mentalen Striptease hinlegt

Eigentlich wollte ich auf meinen privaten Facebook-Profil nur den Link zu den Blog-Einträgen über die Hochzeit teilen. Dann wollte ich sie aber nicht ohne jede Erklärung posten, weil es Menschen bei Facebook gibt, die nichts von meinen Erkrankungen wissen, bzw jetzt wussten. Und plötzlich kam ein Kilometerlanger Text bei herum, den ich euch auch posten mag.

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Was ich tue; was ich über mich preisgebe und mit wem ich, wann und wo kommuniziere, haben ja noch nie so wahnsinnig viele Leute verstanden. Doch wie brachte es meine beste Freundin mal vor gar nicht so allzu langer Zeit auf den Punkt?

„Ich würde es nicht so tun wie du, aber solange es dir hilft und du dich gut damit fühlst, ist doch alles gut.“

Was auf Instagram seit Jahren so normal für mich ist, weil dort irgendwie noch eine gewisse Anonymität besteht, obwohl viele aus meinem privaten und beruflichen Umfeld dort mein Profil gefunden und abonniert haben, ist auf Facebook immer noch irgendwie eine Hürde. Weiß ich hier doch, dass es wirklich nur Freunde, Arbeitskollegen und gute Bekannte sehen können. Doch irgendwie mag ich euch nicht außen vorhalten. Auch hier soll die offene und ehrliche Marie ihren Klartext sprechen… so wie sie es seit Jahren schon auf Instagram tut und seit der Corona-Krise auch wieder in Form eines Blogs.

Warum ich das tue? Ich muss die Gedanken aus meinem Kopf rauslassen, dass habe ich in den über 13 Jahren gelernt, die ich nun mit meinen psychischen Erkrankungen lebe. Tue ich es nicht, fresse ich sie solange in mich hinein, bis ich zusammenbreche und aufgebe. Meine Gedanken und Gefühle habe ich schon vor vielen Jahren in Form vom Musik machen ausgelassen. Seit mittlerweile sechs Jahren schreibe ich auf Instagram über mein Leben, habe in der Zwischenzeit zwei Blogs gehabt und veröffentlichte hin und wieder Videos über mich und mein Leben, auf YouTube.

Doch nicht nur ist es eine Art Selbsttherapie, nachdem in all den Jahren zwei Klinikaufenthalte und die etlichen Versuche ambulante Therapien zu bekommen, grandios gescheitert sind. Es ist auch eine Art von Aufklärungsarbeit. Als ich vor 13 Jahren gemobbt wurde, hatte ich nicht die Möglichkeit nach Erfahrungsberichten zu googeln. Als ich das erste Mal in die Klinik kam, haben viele, heute erfolgreiche, YouTuber noch nicht mal ihre Channels eröffnet gehabt. Es war eine Zeit, da konnte man Mutti und Vati um Rat fragen, hätte man ein gutes Verhältnis gehabt. Freunde konnten ihre Meinung kund tun, doch wirklich helfen konnte einem niemand, weil die wenigsten das erlebt haben, was ich durchlebt habe.

Heute sind Millionen von Menschen auf Plattformen wie YouTube, Instagram, Twitter, etc unterwegs. Unter diesen Millionen von Menschen sind vor allem viele der jüngeren Generationen vertreten. Viele tippen heute bei einer Plattform ihrer Wahl, das Thema ein, das sie brennend interessiert. Die erste Liebe, Mobbing, Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen, aber eben auch Essstörungen, Depressionen, Svv, … werden gesucht. Zum großen Teil um Erfahrungsberichte zu bekommen und zu sehen, wie andere Betroffene mit den Erkrankungen und Problemen leben. Ob es einen Weg aus der Dunkelheit gibt.

Hier kommen wir ins Spiel. Wir, die Menschen, die diesen Weg schon gegangen sind. Die in den dunkelsten Ecken des Lebens saßen, mit dem Rücken zur Wand und die kein Licht gesehen haben. Wir wissen, wie es sich anfühlt, wenn man mit seinem Leben abgeschlossen hat. Und wir wissen auch, wie hart der Weg aus dieser Dunkelheit ist. Wie viele Versuche man braucht, aufzustehen und die Tür zu suchen, die aus der Dunkelheit führt. Wir können davon berichten. Über den steinigen, aber gehbaren Weg, von dem leider viel zu viele Menschen nicht mehr erzählen können, weil sie ihn in der Dunkelheit nicht gefunden haben. Wir können aufklären. Heute mehr denn je zuvor.

Ich habe die Hochzeit meines Bruders überlebt. Dazu gab es im Vorfeld, am Tag danach und mit zwei Tagen Abstand Blog-Einträge. Einer fehlt noch, der über den zweiten Hochzeitstag. Und das Gefühl alles in einem YouTube-Video zu erzählen, für die, die lese faul sind, wird größer. Wahrscheinlich kann man sich das lesen also sparen und einfach noch ein paar Monate warten, bis das passende Video kommt.

https://kleinekaeferin.blog/2020/07/25/warum-ich-familie-hasse-und-wie-schnell-ich-in-panik-verfalle/

https://kleinekaeferin.blog/2020/08/01/die-hochzeit-meines-bruders-und-wieso-ich-eine-woche-vorher-schon-panikattacken-bekomme/

https://kleinekaeferin.blog/2020/08/09/wie-ich-die-hochzeit-meines-bruder-ueberlebt-habe-tag-1-2/

https://kleinekaeferin.blog/2020/08/10/brief-an-meine-schwaegerin/

https://kleinekaeferin.blog/2020/08/10/brief-an-meinen-bruder/

Fühlt euch frei, euch durch den Blog zu lesen, auf Instagram zu den nicht-anonym-Anonymen zu gehören, Twitter mal anzuheizen, oder meine YouTube-Videos zu schauen, weil ihr keinen Bock auf‘s lesen habt. 😉 Verlinkt ist alles im Blog!

Und falls es unter euch Leute gibt, die bisher nicht offen über ihre Probleme geredet haben: Glaubt mir, dass wird mit der Zeit immer einfacher. Man muss nur den Anfang machen und es einmal aussprechen. Von da an wird es immer einfacher über die Jahre.

Brief an meinen Bruder

Dies ist einer von zwei Briefen, die dem Hochzeitsgeschenk meines Bruders und seiner Frau bei lagen.
Ich habe ihnen 50€ geschenkt, geheftet an einen Gutschein für‘s Babysitten, wenn mein Neffe demnächst da ist, damit die beiden sich dann mal einen schönen Abend machen können. Doch irgendwie war mir das von Anfang an zu unpersönlich…

Ich habe Wochenlang mit diesen Briefen gekämpft. Der meiner Schwägerin ging mir am Tag der kirchlichen Trauung locker von der Hand (auf den letzten Drücker arbeiten, klappt manchmal halt doch besser), doch der meines Bruders… Lest selbst.

Namen sind durch Punkte ersetzt, weil ja nicht jeder direkt alles über unsere Familie wissen muss. 😉

Den Brief an meine Schwägerin findet ihr hier: https://kleinekaeferin.blog/2020/08/10/brief-an-meine-schwaegerin/
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So großer Bruder..

…‘s Brief ging mir recht locker von der Hand, mit deinem kämpfe ich seit Wochen. Nichts von dem, was ich bisher geschrieben habe, schien gut genug für dich zu sein. Tausendmal überarbeitet, tausendmal gegrübelt, ob ich es dir so überhaupt zukommen lassen kann.

Ich bin gespannt, ob … dir von sich aus den Brief zeigen wird, den ich ihr geschrieben habe… Sollte sie es tun, könntest Du erahnen, wieso ich mir mit deinem so schwer getan habe. Vielleicht behält sie den Inhalt des Briefes aber auch für sich und Du wirst auf deinen Brief warten müssen. So oder so…
Ein wenig wirst Du dich noch gedulden müssen, bis dein Brief fertig ist. Vielleicht bis nächste Woche, vielleicht bis … endlich da ist und vielleicht wird es noch Jahre brauchen. Ich muss das Gefühl haben, dass ich dir den Brief so zukommen lassen kann und er perfekt ist.. und mein Anspruch an Perfekt dir gegenüber ist ein anderer, als vielen anderen Menschen gegenüber.

So viel kann ich bis hierhin aber sagen: Ich bin unfassbar froh, dass … nun offiziell Teil der Familie … ist. Dir ist ja immer schon das Glück in den Schoß gefallen und in dem Fall wurde das wieder bestätigt. Eine Frau wie … bekommt nicht jeder Mann ab.
Pass gut auf diese wertvolle Frau auf und vor allem jetzt erst Recht, wo … demnächst ja auf die Welt kommt und möglichst lange was von seinen tollen Eltern haben soll.

Ich bin mir sehr sicher, dass Du und … großartige Eltern werdet. Du wirst dem Zwerg das nötige Selbstbewusstsein verpassen und … wird ihm die weltoffenen Arme vermitteln, die der Zwerg in dieser Welt gut brauchen kann… und wann immer es um die verrückten Dinge des Lebens geht, könnt ihr die verrückte Tante anrufen und ich kümmer mich drum, dass … die Verrücktheiten des Lebens kennenlernt. Tut mir ja leid für ihn, dass er nicht einen Pool aus verschiedenen Tanten haben wird, sondern nur die verrückte, aber da muss er nun durch.

Ich freu mich für dich und dein Glück! Halt lang daran fest!

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Ich bekam schon am nächsten Tag eine Antwort auf diesen Brief, via WhatsApp:
„Vielen vielen Dank! Haben uns sehr gefreut! Bin gespannt auf den zweiten Brief :* “
Die Antwort kam von keinem geringeren als meinem Bruder. Ich habe wohl alles richtig gemacht mit den zwei Briefen.

Brief an meine Schwägerin

Dies ist einer von zwei Briefen, die dem Hochzeitsgeschenk meines Bruders und seiner Frau bei lagen.
Ich habe ihnen 50€ geschenkt, geheftet an einen Gutschein für‘s Babysitten, wenn mein Neffe demnächst da ist, damit die beiden sich dann mal einen schönen Abend machen können. Doch irgendwie war mir das von Anfang an zu unpersönlich…

Ich habe Wochenlang mit diesen Briefen gekämpft. Der meiner Schwägerin ging mir am Tag der kirchlichen Trauung locker von der Hand (auf den letzten Drücker arbeiten, klappt manchmal halt doch besser), doch der meines Bruders…

Tja, das könnt ihr hier lesen, wie gut mir das mit dem Brief an meinen Bruder gelungen ist: https://kleinekaeferin.blog/2020/08/10/brief-an-meinen-bruder/

Namen sind durch Punkte ersetzt, weil ja nicht jeder direkt alles über unsere Familie wissen muss. 😉
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Liebe …,

Endlich haben wir es geschafft: Endlich bist Du Teil der Familie … und das jetzt auch ganz offiziell. 🙂

Ich freu mich sehr darüber, dass genau Du meine Schwägerin geworden bist und dafür gibt es einige gute Gründe.

Als wir neulich zum Brunchen bei meiner Mutter waren, hatte ich ja durchblicken lassen, was … früher für ein Kotzbrocken zu mir war. Glaub mir, der hat mich echt ganz schön auf dem Kicker gehabt und jeden Tag gegen mich gefeuert. Man merkt natürlich auch so, dass er älter geworden ist, aber seitdem Du Teil seines Lebens bist, ist er nochmal viel entspannter geworden, was viele Dinge betrifft.
Seitdem Du Teil seines Lebens bist, ist er mir gegenüber auch entspannter geworden. Früher hatte ich das Gefühl, ich könnt ihm nie was recht machen. Eigentlich war ich als Person an sich schon verkehrt und hätte gerne umgetauscht werden können.

Irgendwie ist er ruhiger geworden, bedachter in seinen Worten mir gegenüber und kann hin und wieder auch mal zeigen, dass seine Schwester gar nicht so doof ist, wie er früher immer meinte. Ich bin unsicher, was er dir alles über uns als Familie erzählt hat und noch viel unsicherer, was Du eigentlich über mich weißt. Und weil ich seit Monaten schon denke, dass Du eigentlich so eins, zwei Sachen über mich wissen müsstest, weil sie in unserer Familie nie laut ausgesprochen werden, mag ich einen kurzen Ausflug in mein Leben machen, obwohl wir uns ja auch schon recht lange kennen.

Ich hab dank der Schulzeit irgendwann die Ausfahrt ins Glück verpasst und seitdem jeden Mist mitgenommen, den ich mir vorstellen kann. Das Resultat: Ich gelte seit mittlerweile 13 Jahren als psychisch erkrankt und bin mit diversen Dingen diagnostiziert. Von Borderline, über Essstörungen, bis hin zur Angst- und Panikstörung ist gefühlt alles dabei. Die letzten Jahre waren ruhiger, dank Corona ist gerade wieder viel Chaos, weil alles, was ich mir aufgebaut hatte, mit einmal weg war und dann kam noch die Endometriose-Diagnose hinzu… Lief dieses Jahr wieder so richtig gut bei mir…

Aber weißt Du, was mich seit Monaten trotzdem weiter kämpfen lässt, obwohl ich zweitweise wieder über‘s aufgeben nachgedacht habe? Dass ich weiß, dass demnächst so ein Zwerg auf die Welt kommt, der außer mir keine Tanten und Onkels haben wird und ich ja dementsprechend den Teil der verrückten Tante abdecken muss… und verrückt kann ich gut! 😀

Ich werde die Tante sein, die bei Familienfesten immer irgendwie Abseits sitzen wird, weil sie soziale Interaktionen im Privaten Rahmen echt fürchterlich beängstigend findet. Ich werde die Tante sein, die mit komischen Geschenken um die Ecke kommt, die für andere erstmal keinen Sinn ergeben (wartet nur auf das Willkommensgeschenk für Ben), aber gut durchdacht wurden. Ich werde die Tante sein, die ihrem Neffen von Anfang an einredet, dass er nicht auf das hören soll, was ihm vielleicht mal irgendwann an Gemeinheiten entgegen gebracht wird. Ich werde die Tante sein, die ihn irgendwie gut durch die Schulzeit bringt, damit er es mal besser und einfacher als seine Tante hat. Ich werde die Tante sein, die ihn Nachts um 3h irgendwo in der Disko einsammelt und ihn zuhause auf dem Sofa seinen Rausch ausschlafen lässt, wenn er nicht will, dass ihr mitbekommt, dass er etwas zu weit gegangen ist. Ich werde die Tante sein, die ihm kluge Ratschläge über die Liebe gibt, wenn sein Herz das erste mal gebrochen wurde. … Wir können das noch ewig so weiterführen… Aber vor allem werde ich die Tante sein, die ihm von Anfang an sagen wird, dass er gut so ist, wie er ist und es nichts gibt, was er an sich ändern muss. Egal, ob es seine Art und Weise ist, wie er spricht, sich bewegt; ob es die Art ist, wie er sich kleidet, wen er liebt, oder was er mal beruflich machen will. Solange er nicht irgendwann zum Kotzbrocken wird, werde ich ihm immer sagen, dass er sehr von seiner Familie geliebt wird und perfekt ist, wie er ist.

Ich bin froh, dass Du Teil unserer Familie geworden bist, weil ich bei dir sehr sicher bin, dass Du, genau wie ich, … von Anfang an immer sagen wirst, dass er geliebt wird und perfekt ist, wie er ist. Klar wirst auch Du als Mama nicht immer alles perfekt machen, verlangt auch niemand von dir, aber ich weiß, dass Du eine der liebevollsten Mama‘s auf dieser Welt sein wirst, die zu ihrem Kind steht, egal was passiert.
… hat unfassbares Glück, dich an seiner Seite zu haben und ich hoffe für ihn, dass er das weiß.

Willkommen in der Familie und auf das, dass Du uns nie wieder verlässt. 😉

Ich habe die Hochzeit meines Bruder überlebt – Tag 1/2

Zwei Hochzeitstage meines Bruders in Folge sind vorbei. Zwei Tage überlebt.
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Wer den Blog-Eintrag im Vorfeld nicht gelesen hat, kann jetzt hier nachlesen, wie schlecht es mir im Vorfeld mit der Hochzeit ging:
https://kleinekaeferin.blog/2020/08/01/die-hochzeit-meines-bruders-und-wieso-ich-eine-woche-vorher-schon-panikattacken-bekomme/
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Das ganze Spektakel fing am Freitag um 8.00h an, als mein Wecker klingelte. Ich hatte ihn extra so früh gestellt, weil ich in Ruhe duschen, Haare föhnen, Frühstücken und wach werden wollte. Nach gefühlten dreißig Stunden Haare föhnen (ich weiß schon, warum ich die kurzen Haare vor ein paar Jahren so mochte…) und sie aus dem Gesicht stecken, sowie etwas Augen-Make-Up auftragen, konnt ich mich noch für einen Moment hinsetzen, einen Milchkaffee trinken und noch etwas „frühstücken“. Man müsste eher sagen „Mittag essen“, da es das Mittagessen vom Vortag war.. aber frühstücken war noch nie so meins.
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Um 11.10h bin ich dann los gestiefelt, rüber zum Standesamt, das etwa drei Minuten Fußweg entfernt ist. Ich war fürchterlich aufgeregt, weil ich keine Ahnung vom Ablauf hatte und wer alles kommen würde. Als ich um die Ecke bog, von der man den Rathausplatz einsehen kann, klappte mir kurz die Kinnlade hinunter und ich musste grinsen. Das erste Mal im Rahmen dieser Hochzeit musste ich lächeln. Auf dem Platz stand gefühlt die halbe Stadt, vor allem aber die gefühlte halbe Feuerwehr von Essen. Sechs Fahrzeuge, drei auf dem Platz, vier davor an der Straße.
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Angekommen auf dem Platz war es zwischen den hunderten Menschen gar nicht so einfach meine Familie zu finden. Die klärte mich aber nach meinem Eintreffen erstmal auf, dass an diesem Tag drei Feuerwehrmänner in Folge heirateten. Dementsprechend war nicht nur Essen, sondern auch Erkrath vertreten, was trotzdem ein unfassbares Bild abgab, wie diese Horden von Feuerwehrmännern auf dem Platz vertreten waren.
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Irgendwann als Erkrath verheiratet war, durften mein Bruder, seine Frau und die beiden Trauzeugen ins Standesamt. Kurz danach, als alles formelle geklärt war, durften die Familien mit rein. Insgesamt waren dann 11 Leute bei der Trauung dabei, wenn wir die Standesbeamtin, das Brautpaar und die Trauzeugen mit einrechnen. Es war also schön überschaubar klein, aber vor allem wirklich schön gemacht. Ein paar Tränen floßen natürlich auch. Auch bei mir, als es hieß, dass meine Schwägerin nun offiziell zu unserer Familie gehört und auch unseren Nachnamen angenommen hatte.
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Danach ging es raus aus dem Rathaus, vor dem sich die Feuerwehrkameradschaften meines Bruders schon in Position gebracht hatten. Die BF und FF standen zu einem geschlängelten Gang mit Schläuchen in der Hand, zwischen denen das Brautpaar durch musste. Am Ende wurden die beiden mit einem „Appell“ der Kameradschaften und persönlichen Worten der Wachleitungen beglückwünscht. Aber weil das für einen Feuerwehrmann nicht reichen würde, stand die Drehleiter schon bereit.
So durften die beiden in den Korb der Drehleiter einsteigen und wurden Richtung Himmel gefahren. An der Stelle meinen größten Respekt an meine Schwägerin: im 8. Monat schwanger und dann auf der Drehleiter… Ich hätte wahrscheinlich im Strahl runter gekotzt. Aber da sie das schon kannte, hat sie es gut ertragen und war recht entspannt. Oben im Himmel angekommen, wurde der Korb einmal im Kreis gedreht, so dass die beiden einmal über die gesamte Stadt schauen konnten… und die gesamte Stadt sie sehen konnte.
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Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie viele Schaulustige wir hatten. Es war direkt gegenüber vom Rathausplatz auch noch Marktzeit und dementsprechend unendlich viele Menschen bekamen das Spektakel mit. Schön anzuschauen war es aber alle Male.
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Nachdem die beiden wieder gelandet sind, gab es noch ein Foto mit der Feuerwehr. Da meine Schwägerin schwanger ist und Abstand zu allen, außer der Familie wahren wollte, standen die Kameradschaften etwa drei Meter hinter dem Brautpaar und haben auch sonst den nötigen Abstand eingehalten, damit sie entspannt das Aufgebot genießen konnten.
Anschließend gab es noch einen kleinen Umtrunk und dann wurde sich auf den Weg gemacht. Wir sind alle zur Mutter der Braut nach Hause, weil die eine alte Schreinerei bewohnt und dort viel Platz zum feiern hat, so wie einen schönen Garten.
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Den Teil der folgte, fand ich dann noch wahnsinnig anstrengend, weil irgendwie alle nicht so richtig ins Gespräch kamen. Man merkte halt, dass zwei Familien aufeinander trafen und einfach nicht so viel miteinander zu tun hatten. Ich habe mich irgendwann mit meinem Vater draußen in ein Eckchen gesetzt und einfach dort ausgeharrt, wie lange ich es dort aushalten muss. Essen konnte ich nichts, obwohl es viele leckere Häppchen gab. Ich habe mich an meinem Wasser festgehalten und war froh, meinen Vater dabei zu haben… Ohne das, wäre ich definitiv auch früher gegangen. So haben wir gegen 18h meine Mutter überzeugt, dass wir gehen, die uns aber auch direkt einen Vorwurf machte, dass wir uns ja mal „unter‘s Volk hätten mischen können“. Tja, da sind mein Vater und ich uns wohl zu ähnlich, dass wir sowas einfach nicht mögen, oder er wusste, dass ich sonst verloren gehe, wenn er das tut.
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Damit endete der erste Tag. Mit Kopfschmerzen und einem Lächeln.
Denn wer mich kennt, oder meine Postings verfolgt, weiß, dass eben nicht alles so einfach und Friede, Freude, Eierkuchen ist, wie es sich nun erstmal liest. Auch, wenn der Tag echt schön war und ich am Ende froh war, hingegangen zu sein, war er super anstrengend für mich. Ich hatte ständig das Gefühl im Weg zu stehen, was falsches zu machen, zur falschen Zeit die falschen Dinge zu tun, … Wer nicht selbst an Angst- und Panikstörungen, oder Ptbs leidet, kann sich das schwer vorstellen, was für ein Stress alleine mittig auf dem Rathausplatz stehen, sein kann. Ich habe mich ständig umgedreht und umher geschaut, weil ich bei so vielen Menschen immer Angst habe, etwas zu verpassen oder im Weg zu stehen. In drehe mich dann eigentlich unentwegt herum um alles in meiner Umgebung mitzubekommen. Alleine das braucht super viel Energie, weil das eben ein ängstliches Verhalten ist und quasi eine Art Überlebensmodus ist, in den der Körper dann schaltet.
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Hinzukommen eben die ganzen sozialen Interaktionen mit den Brauteltern, Stiefeltern und sämtlichen Anverwandten oder Freunden. Jedes Wort zu überdenken, jede Bewegung zu planen. Einem Gespräch zu folgen, wenn um einen herum noch zehn weitere stattfinden. Dabei immer nett zu sein und niemandem das Gefühl zu geben, dass man nichts mit ihm zu tun haben will… das alles ist einfach super anstrengend und raubt jede Energie. Man möchte irgendwann im stehen einschlafen.
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Bei mir macht sich so etwas oft in Spannungskopfschmerzen bemerkbar. Ich verspanne nämlich leider sehr gerne meine Kiefermuskulatur, wenn ich in solchen Stresssituationen bin. Dazu gesellen sich gerne ein paar Wirbel, die ich dann hin und wieder selbst einrenken muss, weil sie sonst auch Schmerzen verursachen. Ich merke das, wenn dieser Kopfschmerz kommt, ob es Spannungskopfschmerz, oder Migräne ist und auch, wenn ich versuche, die Muskulatur etwas zu lockern, ist es meistens nicht mehr ganz weg zu bekommen.
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So habe ich den Freitag mit Kopfschmerzen und einem Lächeln beendet. Am frühen Abend auf meiner Couch mit Let‘s Plays und anderen YouTube-Videos zum abschalten. Irgendwann gegen 2h hat es mich dann auch im Bett ausgeknockt.
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Der zweite Hochzeitstag folgt in einem anderen Blog-Eintrag… Sonst müsstest ihr jetzt nochmal solch einen Block lesen und das wollen wir alle nicht. 😉

Die Hochzeit meines Bruders und wieso ich eine Woche vorher schon Panikattacken bekomme

Nächste Woche heiratet mein Bruder und die heutige Frage war erneut: Was ziehe ich an?

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Ich bin immer noch etwas in das gelbe Kleid verliebt und fast alle Rückmeldungen neulich, waren auch positiv, was das Kleid betraf. Nur meine Mutter fand es nicht gut. O-Ton: „Sowas können nur braun gebrannte Leute tragen. An dir sieht das nicht aus.“

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Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber gerade mein Bein-Tattoo passt farblich eigentlich perfekt zu dem Kleid und lenkt von der etwas blassen Hautfarbe ab.. aber die hatte ich auch schon immer und werde ich auch immer haben. Und das ist okay. Ich hab nicht das Gefühl, dass ich bräuner werden müsste um irgendeinem Schönheitsideal zu entsprechen?!

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Meine Mutter war bei der Hose + Oberteil für das Standesamt (wir warten davor, weil aktuell nur die Trauzeugen mit dürfen und gehen danach zur Familie der Schwägerin in den Garten zum beisammen sitzen). Das gepunktet Kleid für die Trauung.

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Meine beste Freundin sagte: „Wenn du das gelbe Kleid nicht bei der Hochzeit deines Bruders anziehst, musst du es bei meiner tun“ und die Hochzeit dürfte (hoffentlich :P) noch ein paar Jahre weg sein… aber die feiert das Kleid halt.

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Ich bin unsicher… ich mag das gelbe Kleid und die Hosen+Blusen-Kombi. Das gepunktete auch, aber ich trag halt niiiiiiiiiiiie Kleider (hab fünf im Schrank und alle genau einmal angehabt) und dafür ist das gepunktete dann halt nochmal ne Nummer „festlicher“ als das gelbe. Also ist das Gefühl beim tragen gleich ein anderes… ein schwereres, weil man sich eleganter fühlt und somit das Gefühl hat, mehr im Mittelpunkt zu stehen, als mit dem gelben Sommerkleidchen.

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Wenn man mich fragt: Ich mach den Spaß nur mit, weil es nun mal mein Bruder ist und mein Neffe ja nur mich als Tante haben wird. Sonst würde ich mir den ganzen Quatsch sparen und zuhause bleiben, weil mir jetzt schon das Herz stehen bleibt, bei dem Gedanken, dass ich als Schwester des Bräutigams auf einer Hochzeit bin, bei der ich fast niemanden persönlich kenne, zumindest mit niemandem im Kontakt bin, aber alle mich kennen.

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Ich weiß, dass ich nächste Woche mit jedem Tag mehr auf eine grandiose Panikattacke zusteuern werde und dieses Hochzeitswochenende ein einziger Alptraum wird und ich durchgängig irgendwo zwischen Panikattacke und „Wegrenn-Bedürfnis“ hängen werde.

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Dank Corona darf ich auch niemanden mitnehmen… was ich eh für albern halte, weil halt trotzdem noch gute 40 andere Leute kommen werden. Da wäre der eine Überträger mehr nun auch kein Beinbruch… aber gut.. ich hab das nicht zu entscheiden, sondern das Brautpaar.

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Irgendjemand Tipps wie ich die zwei Tage überleben kann? Wie gesagt habe ich zu niemandem der Anwesenden Kontakt (die kennen mich alle, ich kenn viele vom sehen, bzw sind auch eins, zwei alte Schulkameraden dabei) und werde die absolute Außenseiterin sein, obwohl die allermeisten meine Altersklasse sind.

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Der 30. meiner Schwägerin war mit den selben Leuten und ich saß die gesamte Zeit bei meinen Eltern und habe mit den Eltern meiner Schwägerin gequatscht. Ohne meine Eltern wäre ich aber gestorben vor Peinlichkeiten und Unwohlsein.

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Und ganz davon abgesehen sterbe ich auch jetzt schon bei dem Gedanken an das Essen.

Wer mich kennt weiß, dass essen gehen mit Freunden mittlerweile sogar recht okay funktioniert. Mal besser, mal schlechter, aber ohne große Angst, bzw beruhigt sich das recht schnell. In Gegenwart meiner Familie klappte das noch nie, dass wir entspannt essen gehen konnten und in solchen Massen von Menschen, werde ich keinen Bissen runterbekommen.

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Es mag absurd klingen für die meisten, aber tatsächlich weiß ich jetzt schon, dass ich sowohl vor der Standesamtlichen Trauung, als auch der Freien, zuhause üppig essen werde, damit ich bei der Hochzeit keinen Hunger habe und das Ganze besser ertrage, wenn ich nichts essen werde.

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Ja, ich weiß jetzt schon, dass ich bei der Hochzeit nichts essen werde, außer mir stellt irgendwer einen Teller unter die Nase und zwingt mich. Ich ertrage den Gedanken jetzt schon nicht und spüre schon alle Blicke auf mir. Lieber sage ich tausend mal: „Ich habe keinen Hunger. Danke“, als einmal vor diesen Leuten zu essen.

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Es ist absurd… dieser ganze Stress mit der Hochzeit verdeutlich mir wieder, wie toxisch meine Familie für mich ist. Wäre es jemand aus meinem Freundeskreis, der heiratet, wäre die Angst wesentlich geringer, weil ich weiß, es gäbe wenigstens einen Menschen, der mich kennt und auf mich aufpasst… und mich vielleicht auch an der richtigen Stelle aus dem Trubel rauszieht und zum Essen zwingt, irgendwo, wo niemand daneben steht und „zuschaut“.

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Bei meiner Familie brauche ich das nicht erwarten. Ich weiß bis heute ja nicht mal, ob meine Schwägerin je erfahren hat, was ich für eine Vergangenheit habe. Ob mein Bruder ihr jemals gesagt hat, was seine Schwester eigentlich für beschissene Zeiten durch gemacht hat und dass seine Schwester psychisch immer noch einen Knacks weg hat.. es ist aber auch nicht meine Aufgabe, ihr das zu sagen. Wenn mein Bruder es nicht tut, dann hat er seine Gründe dafür. Vielleicht hat er es auch getan und ich weiß es nicht… denn in unserer Familie wird nicht darüber geredet, dass die Tochter seit über 13 Jahren psychisch krank ist und mit dem Leben kämpft… auch, wenn das Außenstehende nicht immer sehen.

Warum ich Familie hasse und wie schnell ich in Panik verfallen kann


Heute war einer der Tage, an denen ich wieder wusste, wieso ich Familie so hasse.
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Meine Familie fragte neulich, ob mein Laptop einen HDMI-Anschluss besitzt, weil sie einen Beamer anschließen müssen und kein Gerät haben, wo HDMI passte. Der Plan war ein Bild auf eine Leinwand zu projizieren und dann zu malen, dass mein Bruder und seine Verlobte gerne an der Wand im Kinderzimmer hängen hätten.
Da ich meinen Laptop aktuell auch eigentlich nicht brauche, weil ich nur noch das Handy und das IPad nutze, hab ich den Laptop zur Familie gebracht, mit der Aussage: „Könnt ihr erstmal behalten.“
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Den großen Fehler, den ich begangen habe? Vorher nicht die Festplatte leer räumen, oder einen Gast-Account erstellen. Stattdessen hat meine Familie nun Zugriff auf alle Daten, wenn sie will. Inklusive Google Chrome und allen gespeicherten Accounts, die ich so im Internet nutze. Ich hab alles vom Desktop in einen unübersichtlichen Ordner geschmissen und Google Chrome als Verlinkungen gelöscht, in der Hoffnung, dass dies schon vom Schnüffeln meiner Mutter abhält, weil sie die Sachen einfach nicht findet.
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An dieser Stelle ein Einschub aus der Vergangenheit: Als ich vor 6 Jahren ausgezogen bin aus dem elterlichen Haus, habe ich jeden Winkel des Hauses auf den Kopf gestellt, ob ich noch Sachen von mir, vor allem Unterlagen finde, die für mich wichtig sein könnten. Dabei fand ich nebst Rentenversicherungsnummern und Kinder- und Jugendpsychiatrieunterlagen, auch einen Zettel mit diversen Zugangsdaten. Internetseiten, Email-Adresse und Passwort. Allesamt von mir. Meine Mutter musste wohl damals meinen Laptop durchsucht haben und alles notiert haben, was sie finden konnte. Dementsprechend ist meine Sorge, sie könnte schnüffeln, wohl begründet.
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Nun musste ich heute nochmal bei meinen Eltern vorbei, weil ich die Vorlagen für meine Rechnungen neulich aus meinen Clouds gelöscht habe und somit nicht vom IPad oder Handy aus, meine Rechnung für die drei Arbeitswochen schreiben konnte.
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Als ich da war, baten meine Eltern mich, am Abend ein Foto von ihnen zu machen. Kleine Notiz: Es gibt ein Hochzeitsgeschenk für meinen Bruder und seine Verlobte, für das einige Fotos aus derem Familien- und Freundeskreis benötigt werden. So brauchten meine Eltern ein Foto, das Abends entstanden ist. Ich willigte ein und da ich schon um 16.00 Uhr bei meinen Eltern war, haben wir noch zusammen ein paar Spiele gespielt.
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Bis dahin ist erstmal alles Friede, Freude, Eierkuchen gewesen. Mein Vater und ich können Stundenlang in Frieden spielen, quatschen oder einfach schweigen. Irgendwann fing dann die Diskussion mit meiner Mutter an.
“Du brauchst doch auch noch ein Foto. Das können wir ja dann gleich machen.“
Nach einigen „Nein‘s“ meinerseits, gab es den Moment, an dem ich Klartext sprach. 
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Ich teilte meinen Eltern mit, dass ich nichts unangenehmer finde, als dieses Foto machen zu müssen. Dass ich es auch eh absolut kacke finde in sowas involviert zu werden, ohne gefragt zu werden, ob das cool für mich ist. Und dass ich es noch beschissener finde, dass diese ganzen, mir fremden, Menschen, alle in einer Liste lesen können, welches Foto ich machen muss und somit bei der Hochzeit sehen würden, wenn ich keines gemacht habe. Jeder würde sehen, dass die Schwester, des Bräutigams sich geweigert hat.
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Größer könnte man einen Menschen nicht bloßstellen und demütigen. Und nicht nur, würde es mich in ein unschönes Licht schieben. Nein, mein Bruder würde gleich mit in das Licht kommen, weil es heißen würde: „Was hat der denn für eine komische Schwester/Familie.“ 
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Für mich ist dieses Foto seit Wochen ein Alptraum. Ausgerechnet ich habe dann auch noch ein Motiv, dass man nicht irgendwo heimlich in einer abgelegenen Ecke machen kann, sondern ich soll zu einem Kiosk rennen. Mehr Fokus könnte man wahrscheinlich in der Öffentlichkeit nur bekommen, wenn es heißen würde: „Renn nackt in einen Supermarkt.“
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An dieser Stelle die Erinnerung an alle: Ich bin seit 10 Jahren diagnostizierte Borderlinerin mit Anpassungsstörung. Hinzukommen eine Angst- und Panikstörung, Ptbs, Essstörungen, etc. Es braucht für mich nicht einen Marktplatz, auf dem ich auf einem Podest stehe und alle zeigen mit dem Finger auf mich. Für mich braucht es manchmal nur, dass ich mich kurz verspreche, oder eine falsche Bewegung mache und ich breche in Panik aus. 
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Man kann sich also annähernd vorstellen, was es bedeutet, wenn ich an einem Kiosk vorbei rennen soll und jemand anderes fotografiert das Ganze auch noch. Ich möchte bei dem Gedanken daran lieber sterben, als das umsetzen zu müssen. Doch wie gesagt: Jeder könnte nachvollziehen, dass ich es war, die nichts abgeliefert hat und das dementsprechend Getratsche wäre groß. Zumindest sagt mir mein Kopf das. Und das reicht, um mir jetzt, in meinem geschützten Zuhause, Tränen in die Augen zu jagen und Herzrasen zu verursachen.
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Ich dachte eigentlich, das Gespräch wäre damit beendet und die Aussage: „Ich mach das wenn, mit meiner besten Freundin“ wäre eindeutig gewesen.. war sie wohl nicht, wie ich später feststellen durfte.
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Wir fuhren also mit dem Auto runter Richtung Innenstadt, weil meine Mutter da eine Ecke überlegt hatte, wo sie gerne ihr Foto machen würde. Mein Vater gab eine grobe Richtung an, wo ich parken sollte. Als ich geparkt hatte und fragte, wohin sie nun laufen wollen, meinten beide nur: „Na, zu dem Kiosk da oben. Dein Foto machen.“
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Es fehlte nicht viel, dass ich ausgestiegen wäre, gewartet hätte, bis die beiden gefolgt wären, abgeschlossen hätte und dann zu meiner Wohnung gelaufen wäre. Stattdessen wurde ich relativ aggressiv in meinem „Nein!“ Für mich war es vollkommen unklar, wie man nun wieder dieses Thema aufbringen konnte, obwohl ich keine drei Stunden vorher gesagt habe, dass ich das Ganze nicht mit meinen Eltern machen werde und erst Recht nicht in dem Stadtteil, in dem ich wohne.
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Irgendwann sagte meine Mutter, wo sie ihr Foto machen wollte, ich startete den Motor und fuhr zu der Ecke, damit das Thema einfach beendet war. Die Stimmung war danach scheiße, ich hab 30 Fotos für meine Eltern gemacht und sie dann zuhause abgesetzt. 
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Ich selbst parkte dann wieder genau dort, wo ich kurz zuvor mit den beiden schon mal stand, als wir diskutierten, dass ich dieses Foto nicht heute machen werde. Und ab hier fing es an, richtig unangenehm zu werden. Ich parkte dort, in genau der gleichen Lücke, wo ich vorhin zwei Minuten stand, bevor ich wieder los fuhr. Leute hatten das Ganze Szenario beobachtet und nun musste ich mir die Blöße geben, wieder dort auszusteigen. Wenn die gleichen Leute mich dort nochmal gesehen haben, müssen die sich mit Garantie gedacht haben: „Was veranstaltet die hier eigentlich?“
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Ich lief dann vom geparkten Auto quer durch die Innenstadt zu meiner Haustür. Dabei musste ich quasi durch den Außenbereich eines Cafés latschen, die ihren Außenbereich nämlich mitten auf dem Bürgersteig eröffnet haben. Ein Rollifahrer kommt da nicht mehr vorbei und muss auf die Straße ausweichen, aber zu Fuß geht es gerade noch so… wenn sich die Leute nicht wie heute, einfach Stühle hinzu holen und auch noch vor Kopf an den Tischen sitzen. Das sah ich aber auch erst, als es schon zu spät war und ich nicht mehr auf die Straße ausweichen konnte. Also musste ich den Bauch einziehen und die Luft anhalten, weil ich in Zeiten von Corona auch niemandem ins Gesicht atmen wollte. Die Leute juckte es null, dass ich mich vorbei quetschen musste, sie guckten mich nur schief an, als ich grimmig an ihnen vorbei stiefelte.
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Keiner von den Beteiligten kennt mich, trotzdem hat es mir ein absolutes Unwohlsein verpasst. Ich war noch aufgewühlter, noch genervter, noch aggressiver als vorher.. und noch mehr in Richtung Panik unterwegs. 
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Zum krönenden Abschluss fehlte noch, dass meine Lieblingspizzeria direkt neben unserem Hauseingang liegt. Die kennen mich, weil ich da recht häufig in der Vergangenheit bestellt habe und wir verstehen uns super, so dass ich auch mal den einen oder anderen Bonus geliefert bekomme.
Normalerweise grüße ich die auch immer, wenn sie draußen rauchen, oder ich sie durch die Scheibe sehe… die letze Zeit kann ich ihnen nicht ins Gesicht schauen, weil ich nach der Arbeit und Terminen immer irgendwie gestresst nach Hause kam… und heute war es besonders schlimm. Ich hätte, wie ich gerade zu, aus diesem Café-Chaos heraus taumelte, auf die Pizzeria zusteuerte, einfach heulen können, weil mir das alles unfassbar unangenehm war, ich mich nicht unwohler nach allem hätte fühlen können und eigentlich schon dabei war, eine. Panikattacke zu bekommen.
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Oben in der Wohnung angekommen, ließ die ganze Anspannung nach. Die Panikattacke blieb aus, was alleine daran liegt, dass ich direkt, nachdem ich die Klamotten gewechselt habe, angefangen habe, diesen Text zu schreiben. Die Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen, anstatt sie als Emotionen heraus zulassen.
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Zwischendurch meldete sich meine beste Freundin und versuchte mich sogar anzurufen. Keine Ahnung, ob sie nur quatschten wollte, oder ihre Welt unterging…
Aber ich schrieb ihr folgende Nachricht zurück:
“…, ich lieb dich sehr… aber ich kann nicht zurück rufen. Ich kämpfe gerade mit den Tränen und mit Panik und wenn ich dich jetzt am Telefon habe, heul ich mit absoluter Garantie los… und ich bin sehr sicher, dass wir das beide gerade nicht brauchen.“
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Vor ein paar Jahren hätte ich alles mit mir selbst ausgemacht und in mich hinein gefressen. Heute teile ich ihr sowas mit und weiß, sie ist da für mich. Sie hat mir als Antwort irgendeine Sprachnachricht geschickt, die ich gleich, wenn ich alles online habe, abhören werde. Ich bin mir sicher, dass sie mir mitteilen wird, dass sie da ist und immer erreichbar ist, wenn ich doch ein Ohr zum reden brauche… Es tut gut dies zu wissen und noch viel besser tut es, zu wissen, man braucht nicht in Panik verfallen, man muss sich nicht aus lauter Druck wieder selbst verletzen, oder oder oder… man darf einfach mal für den Moment ein Igel sein, sich zurück ziehen und pieksen, im nächsten Moment aber wieder hervor kommen und sich vom Menschen aufpäppeln lassen.
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Mindestens genauso gut tut es, dass ich für mich das schreiben wieder entdeckt habe. Es mag sein, dass es nicht viele lesen, was vollkommen okay ist. Doch für mich ist es eine Art Druckausgleich. Emotionen in Worte fassen. Gedanken aussprechen. Menschen mitteilen, wieso ich so bin, wie ich bin.
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Und wie ich langsam das Gefühl habe, der Text kommt zum Ende, so merke ich: Ich wünschte mir so sehr, meine Eltern hätten nur annähernd solch ein Verständnis und solche eine Empathie, wie all die Follower und Leser meiner Instagram-Seite, meines Blogs oder meiner YouTube-Videos. Sie würden nur ansatzweise so mit mir umgehen, wie die Menschen, die verstanden haben, dass rationales Denken nicht in meiner Welt vorgesehen ist und ich mit vielen Dingen kämpfe, die für andere Menschen absolut normal sind. 
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Stattdessen weiß ich aber, dass sie es nie ganz verstehen werden und sie es auch nach dem 22.352.435.246 Mal Klartext sprechen, immer noch nicht gelernt haben, dass das Leben für mich eben komplett anders ist, als für sie. Dass ich niemals so denken und fühlen werde wie sie. Und dass ich niemals so entspannt durch‘s Leben gehen werde, wie sie das Tag ein, Tag aus, tun.
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Es ist frustrierend, wenn man weiß: Das einzige, was meine Familie und mich noch verbindet, ist der Zwerg, der bald auf die Welt kommt und außer mir, keine Tanten und Onkels haben wird… und dass ich meinen Neffen groß werden, sehen möchte und nicht will, dass er das Kind ist, dass später allen antworten muss: „Ich habe eine Tante, aber die kenn ich nicht, weil meine Familie keinen Kontakt zu ihr hat.“
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Reicht, dass ich das mit meinem familiären Umfeld erlebt habe… Ben, muss das nicht erleben.
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Und wer bis hierher gelesen hat, darf mir gerne schreiben, dass er sich sein Fleißsternchen abholen möchte. 😀