Ein Wort zur Sprechstunde von EureMütter

Wer nicht weiß wovon ich rede, folgt am besten dem Link zum YouTube-Video von EureMütter. https://youtu.be/ycQR6T4Rrs0

Ich habe so eben die aktuellste Sprechstunde von EureMütter nachgeschaut.
Dabei schossen mir irgendwann viele Gedanken und noch mehr Worte durch den Kopf, die ich erst als Kommentar unter deren Video posten wollte, mich aber nun doch dazu entschieden habe, sie auf diesem Wege mit euch zu teilen. Beim schreiben dieses Blog-Eintrages, wurde das ganze dann auch noch länger, weshalb es wohl gut ist, es hier zu teilen. 😉

Seit einigen Jahren begleiten mich die Videos/Programme durch mein Leben. Es war damals ein Zufallstipp von einer Bekannten. Gerade in schwierigeren Zeiten war es immer wieder schön, die ganzen YouTube-Videos nochmal anzuschauen, um ein wenig auf andere Gedanken zu kommen. Für den Moment mal lachen zu können. Bisher hatte ich es nicht zu den Live-Shows geschafft, was mich jetzt umso mehr ärgert. Deshalb bin ich aber nun, umso dankbarer für die Sprechstunde gewesen, weil diese für den Moment, auch mal den Kummer und die Sorgen, vergessen macht.

Bis zur Sprechstunde heute… Ab hier folgt das, was gerade zu so aus mir heraus sprudelte und ich entschuldige mich für die Länge des Textes.

Danke für diese offenen Worte und Einspieler zur Bedrohung unserer Kultur und Kunst! Mir hat es zwischendurch die Tränen in die Augen getrieben, mal wieder zu sehen, wie sehr der Staat gerade versagt, uns freischaffenden in der Kunst- und Kulturbranche, zu unterstützen.

Ich bin selbst freiberufliche Zirkuspädagogin und lebe seit März ohne jede Einnahmen. Als ich die Corona-Soforthilfe beantragt habe, hieß es noch, man könne diese auch für die Privatkosten nutzen. Mittlerweile bin ich mit ca. 7.000€ beim Staat verschuldet, weil ich von dieser Soforthilfe gelebt habe und als Solo-Selbstständige natürlich die wenigstens Ausgaben, wirtschaftlicher Natur sind. Mir blieb nicht viel Alternative, als von der Soforthilfe zu leben, aus diversen Gründen.

Als ich vor 7 Jahren meine Job begonnen habe, stand ich ohne Schulabschluss und Ausbildung da. Wäre ich nicht den Weg der Selbstständigen gegangen, so hätte ich damals Staatliche Hilfe in Anspruch nehmen müssen, da ich damals, mit zarten 18 Jahren, schon schwer psychisch krank war und mich nicht, mal eben so, in reguläre Jobs oder Ausbildungen einfügen konnte/kann. Ich hätte vermutlich Jahrelang dem Staat auf den Taschen gelegen.

Stattdessen bin ich in die Kunst-, Kultur- und Veranstaltungsbranche gegangen, als Freiberuflerin. Ich habe mir die Jahre den A*** aufgerissen, um keine Hilfen zu brauchen und es klappte. Von früh bis spät, teils 12 Wochen am Stück mit vielleicht mal eins, zwei freien Tagen, habe ich schwer körperlich und geistig gearbeitet. Meist mit Verantwortung für viele, viele Menschen. Ich habe den Job geliebt, egal wie anstrengend er war und ich konnte alleine mein Geld erwirtschaften, meine Steuern zahlen, etc. Ich brauchte keine Hilfe.

Nun bin ich dieses Jahr unverschuldet in eine existenzielle Schieflage geraten. Binnen von 4 Tagen, waren alle Aufträge abgesagt und ich hatte keine großen Rücklagen. Zirkus ist Saisonarbeit, sprich der Winter ist Mau. Man kommt aus der Wintersaison, will im Sommer das Geld für den nächsten Winter erwirtschaften und plötzlich ist nichts mehr da. Jetzt bin ich, wie gesagt, alleine psychisch bedingt, schon schwer krank und kann nicht mal eben einen neuen Job suchen. Hab ich probiert, aber war nicht möglich etwas passendes zu finden. Mal eben Hartz4 zu beantragen, geht dann aber auch nicht, weil man als psychisch erkrankter Mensch, alles und jedem Rechenschaft schuldig ist, wieso weshalb warum, man nicht arbeiten kann, etc. Im Zweifel bekommt man sogar eine Betreuungsperson vom Amt vorgesetzt. Ob ich vorher 7 Jahre lang als Freiberuflerin, ohne Probleme, mein Leben selbst managen konnte, zählt nicht.

Es kam dann natürlich wie es kommen musste: Nach monatelangem zuhause hocken und nicht vor und nicht zurück können, wurde ich auch noch zum gesundheitlichen Notfall. Seit Juni war ich zweimal stationär im Krankenhaus. Einmal als Notfall, einmal für eine Bauch-Op. Diverse Zwischenbesuche für Untersuchungen. Diverse Besuche bei niedergelassenen Ärzten.

Mittlerweile bin ich diagnostiziert mit einer schweren-chronischen Erkrankung, die schon viel Last auf die Schultern legt. Mit gerade einmal 26 Jahren stehe ich urplötzlich vor Dingen wie: „Vielleicht kannst Du niemals Kinder bekommen, wegen der Erkrankung“, „Du musst Medikamente nehmen, die Du nicht nehmen willst, weil es keine anderen Therapiemöglichkeiten gibt“, „Wenn Du Pech hast, hält das Ergebnis der Op nur kurz an und die Erkrankung zerfrisst deinen Körper schon wenige Wochen später, erneut“.

Nun folgt dem ganzen Theater noch eine Darm-Op. In zwei Wochen werde ich wieder ins Krankenhaus müssen und dort etwa 2 Wochen bleiben. Je nachdem was bei den Untersuchungen und der Op herauskommt, gibt es sogar noch einen künstlichen Darmausgang, quasi als Kirsche auf der ganzen Sch***, kostenlos oben drauf.

Seit Juni dreht sich alles darum, dass ich mein restliches Leben mit einer sch*** Erkrankung leben muss. Doch anstatt mich voll darauf konzentrieren zu können, muss ich parallel zwischen meinen Klinikaufenthalten und Op‘s, Anträge beim Steuerberater in die Wege leiten lassen; mich mit Hartz4 auseinander setzen; Antrag auf Behinderung stellen, etc.

Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als arbeiten zu können. Seit März sitze ich zuhause, ohne große Soziale Kontakte und muss sehen, wie ich diese Krise überstehe. Ich würde zu gerne in meinen Job zurück kehren, weiß aber, dass mein Job auch in 2021 vermutlich nicht stattfinden wird. Nicht Systemrelevant genug. Ich würde gerne in einen anderen Job, der mir Spaß machen könnte… Doch zwischen „wir haben aktuell keine Stellen“ und „Ich muss ihnen leider den angebotenen Arbeitsvertrag absagen, weil ich das restliche Jahr mit Krankenhausaufenthalten fülle“, ist es mir aktuell nicht möglich, auch nur die simpelsten Jobs durchzuführen. Ich will, kann aber nicht regulär arbeiten, egal wie ich es drehe und wende.

Mein Schicksal mag als „Einzelfall“ zu betrachten sein, wenn es um die psychischen Vorerkrankungen und das plötzliche Versagen meiner Gesundheit, geht. Kein Einzelfall bin ich aber dahingehend, dass gerade sämtliche meiner Kollegen ohne Job da stehen, oder sich mit Aushilfsjobs in Gärtnerein, Supermärkten, etc. über Wasser halten.

Mir fehlt aktuell die Kraft dafür, für meine wirtschaftliche Existenz auf die Barrikaden zu gehen. Ich kann es einfach nicht stemmen, zwischen all dem anderen Chaos, auch noch dafür aufzustehen und darum zu kämpfen. Klar, ruht es sich auch „bequemer“, wenn man weiß, dass da noch ein paar Menschen mehr sind, denen es genauso geht wie mir, die aktuell laut sind und für dieses große Gesellschaftliche Problem einstehen. Doch am Ende des Tages ist es wohl ein Geben und Nehmen: Die einen sind laut und kreiden öffentlich an, und die anderen verbreiten diese Message.

Eine gesamte Branche geht aktuell vor die Hunde und Fälle wie meiner, sind keine absolute Ausnahme. Doch die Politik? Die schafft es nicht einmal, finanzielle Hilfen zu stellen, die uns zumindest für ein paar Wochen, Sorgenlos einschlafen lassen.

Danke EureMütter, dass ihr eure Stimme nutzt und für unsere Branche einsteht. 🙂

Veröffentlicht von Kleinekaeferin

25. Freiberuflich im Zirkus unterwegs und über die Hälfte ihres Lebens psychisch erkrankt. Alle Gedankengänge, die für Instagram zu lang sind, kommen in Zukunft hier hin.

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