Seit 6 Jahren Suizid- Überlebende und immer noch glücklich

Triggerwarnung:
Im heutigen Blog-Eintrag geht es um das Thema Suizid und dass es nicht selbstverständlich ist, glücklich zu sein. Solltest Du betroffen sein und dich leicht triggern lassen, pass bitte auf dich auf und lese diesen Beitrag nur, wenn Du Dich wohl damit fühlst.

Solltest Du das Gefühl haben, Hilfe zu brauchen, findest Du diese bei der Telefonseelsorge: https://www.telefonseelsorge.de/international-helplines/

Desweiteren habe ich für Angehörige einen Blog-Eintrag verfasst, wie man Suizidabsichten erkennen kann und was man tun sollte:
https://kleinekaeferin.blog/2020/09/10/welttag-der-suizidpraevention-anzeichen-und-hilfe/
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Du bist nicht alleine und Du kannst den Kampf gegen die Ausweglosigkeit gewinnen!

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Ungefähr genau jetzt, vor 6 Jahren, habe ich versucht mein Leben zu beenden. Ich habe mit 20 Jahren, meinen ersten Suizidversuch unternommen.

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Ungefähr genau jetzt, vor einem Jahr, habe ich das erste Mal gesagt, dass ich mein Leben liebe. Dass ich es gerne lebe und froh bin, überlebt zu haben. Ich habe gesagt, dass ich meine größte Angst überwinde, genau das laut auszusprechen, so dass Leute es hören und lesen können.

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Bis dato war meine Erfahrung immer die, dass sobald ich so etwas ausgesprochen hatte, das Leben wieder in einer Katastrophe endete. Immer, wenn ich bis dahin gesagt hatte, dass ich mein Leben mögen würde, kam irgendein neues Drama auf. Irgendwas, was mich wieder aus dem Leben geworfen hat.

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Ich bin dieses Jahr über mich hinaus gewachsen. Nicht nur, dass ich so offen über mein Leben und meine persönlichsten Gedanken und Gefühle erzähle. Vor allem bin ich über mich hinaus gewachsen, weil mich 2020 nicht klein bekommen hat.

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Im März kam plötzlich das Aus für meine Existenz. Keinerlei Aufträge mehr für‘s Jahr. Seit dem lebe ich finanziell in einer einzigen Katastrophe. Zum aktuellen Zeitpunkt schulde ich dem Staat etwa 7.000€, die bis März beglichen sein müssen. Aktuell lebe ich sogar von der „Rente“ meines Vaters (er arbeitet ja noch weiter als Freiberufler), was er sich zum Glück gut erlauben kann, mich mit zu finanzieren, bis Soforthilfen und/oder Hartz4, endlich bewilligt sind.

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Nachdem die anfängliche Jobsuche komplett scheiterte, weil ja niemand wusste, wie es wirtschaftlich weitergeht, kam dann das Aus für meine „Gesundheit“.

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Plötzlich ein Aufenthalt in der Notaufnahme, weil ich vor Schmerzen nicht mehr stehen konnte. 6 Tage Klinik ohne Antworten. Gefolgt von Monaten der Verdachtsdiagnose, bis zur endgültigen Klarheit, durch eine Bauchspiegelung: Tief-infiltrierende Endometriose Stufe 4, Adenomyose und ein Uterus Subseptus.

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Kurz vor der Op, ein zweiter Anlauf, einen Job zu finden. Ich hatte sogar schon einen Arbeitsvertrag in der Tasche. Dann die Nachricht, die ich nicht erhofft hatte: Der Darm ist mit Endometriose befallen. Es folgt eine Darm-Op, mit eventueller Stoma-Legung.

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Nicht nur schwer-chronisch krank. Nein, auch noch eine weitere Op, die mich vielleicht dazu bringt, in Zukunft in einen Beutel zu schei*en. Der Job hatte sich erledigt. Zwischen Bauchspiegelung und Darm-Op hätte ich mich niemals auf einen neuen Job konzentrieren können. Ich war teils mit mir selbst schon überfordert.

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Nun sitze ich hier… Die Bauchspiegelung ist 7 1/2 Wochen her, die Darm-Op ist in 3 Wochen. Und es geht mir gut.

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Ich bin zufrieden mit mir und dem, wie es mir geht. Ich mag mich. Ich mag mein Leben. Ich habe die Krise überstanden. Mit kleineren Dramen, doch ich habe überlebt. Kein tiefer Absturz, an dem ich ungebremst auf den Boden schlage und wieder alles verloren habe.

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Ich habe dieses Jahr viel verloren. Meine Existenz, die ich mir 7 Jahre hart erkämpft habe und mit der ich 2019 endlich ganz alleine, auf eigenen Beinen stehen konnte. Meine Gesundheit, die zwar schon lange sehr kaputt war, aber die nun endgültig mit einer Diagnose zu Nichte gemacht wurde, die nicht mehr verschwindet.

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Ich habe die zwei wichtigsten Dinge im Leben verloren. Job und Gesundheit.

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Trotzdem geht es mir gut. Meine Psyche hat das alles überstanden.

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Ja, ich hatte dieses Jahr Suizidgedanken. Verständlich, wenn man mich fragt. Ich hab es Jahrelang nicht besser gewusst, als zu flüchten, wenn alles zu viel wurde. Jahrelang war es das normalste für mich, mich selbst für jedes Scheitern zu verurteilen. Mich selbst zu bestrafen. Mich verbal selbst nieder zu machen. Mir selbst Verletzungen zu zufügen. Meinen Kopf gegen die Wand zu Hämmern, wenn ich wieder mal zu blöd zum Leben war.

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Irgendwann wollte ich nicht mehr. Ich hatte noch Kraft, dass wusste ich, aber ich wollte das alles nicht mehr ertragen. Ich habe mir versucht das Leben zu nehmen, wenn nichts mehr ging.

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Somit war es nicht verwunderlich, dass diese Gedanken auch dieses Jahr aufkamen, als plötzlich alles, in wenigen Monaten, steil Berg ab ging.

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Ich habe überlebt. Doch viel mehr als das: Ich liebe noch immer mein Leben. Mit all den Schikanen, die es für mich bereit hält. Ich bin zufrieden mit mir und dem Leben, dass ich habe. Meine Psyche ist stärker aus diesem Jahr hervor gekommen, als ich es je hätte ahnen können.

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2020 hat mich stärker gemacht. Es hat mich abgehärtet. Es hat mir alles wichtige genommen und trotzdem hat es mir auch das größte Geschenk gemacht: Mir die Kraft zu geben, das alles zu überleben. Das Selbstbewusstsein zu geben, offen darüber zu reden und kein Geheimnis daraus zu machen, dass nicht immer alles gut ist, sondern man manchmal auch einfach vom Pech verfolgt zu sein, scheint.

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Ich bin seit 6 Jahren Überlebende von zwei Suizidversuchen und unzähligen Suizidgedanken. Ich habe das Recht auch weiterhin glücklich zu sein. Das ist, was 2020 mir gelehrt hat.

Veröffentlicht von Kleinekaeferin

25. Freiberuflich im Zirkus unterwegs und über die Hälfte ihres Lebens psychisch erkrankt. Alle Gedankengänge, die für Instagram zu lang sind, kommen in Zukunft hier hin.

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