Welttag der Suizidprävention – Meine Suizidversuche

Ja, der Beitrag war schon im September online.. Ich hab ihn ausversehen gelöscht und musst ihn somit nochmal neu posten. Upppsiii.
.
Triggerwarnung
: Der folgende Blog-Eintrag ist am 10. September 2020 online gegangen. Heute ist der Welttag der Suizidprävention. Sollte Dich das Thema triggern, bitte ich Dich, nicht weiterzulesen.

Solltest Du das Gefühl haben, Hilfe zu brauchen, findest Du diese bei der Telefonseelsorge:
https://www.telefonseelsorge.de/international-helplines/

Desweiteren habe ich für Angehörige einen Blog-Eintrag verfasst, wie man Suizidabsichten erkennen kann und was man tun sollte:
https://kleinekaeferin.blog/2020/09/10/welttag-der-suizidpraevention-anzeichen-und-hilfe/
.
Du bist nicht alleine und Du kannst den Kampf gegen die Ausweglosigkeit gewinnen!

.


05. November 2014 + 13. bis 19. April 2015

.
Bald sechs Jahre ist mein erster Suizidversuche her, etwa 5 1/2 Jahre der zweite.
.
Ich kann mich an den ersten Suizidversuch noch genau erinnern. Stundenlang saß ich in dem Gästezimmer meiner Eltern und wartete darauf, dass beide endlich nach oben in ihr Schlafzimmer verschwinden und schlafen gehen. Gegen 22 Uhr klopfte mein Vater nochmal um mir eine gute Nacht zu wünschen. Hätte er gewusst, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon wusste, dass ich versuche mir das Leben zu nehmen… er hätte vermutlich versucht etwas dagegen zu unternehmen.
Irgendwann nach Mitternacht verschwand dann auch endlich meine Mutter ins Bett.
.
Zu dieser Zeit wohnte ich quasi wieder bei meinen Eltern. Offiziell war ich weiterhin in Berlin, in der gemeinsamen Wohnung von meiner besten Freundin und mir, gemeldet, aber Ende 2014, verbrachte ich die meiste Zeit über 500km entfernt, im Elternhaus. Erst immer nur dann, wenn ich in NRW arbeiten musste, später war ich auch so immer häufiger und länger dort. Zu dem Zeitpunkt meines ersten Suizidversuches war in meinem Leben alles schief gelaufen, was schief laufen konnte.
.
März 2014 war ich mit meiner besten Freundin nach Berlin direkt an den Kotti gezogen. Am Anfang war alles super. Ich hatte mein Freiberuflerleben gerade auf die Beine gestellt, wollte meinen Schulabschluss nachholen und hatte schnell neue Kontakte geschlossen. Leider kippte alles schon Ende April, Anfang Mai zum negativen. Meine Schulerfahrungen von früher, wurden in der Abendschule so sehr getriggert, dass ich mich von jetzt auf gleich, nach Jahren wieder selbstverletzt hatte. Es folgten Monate der Depressionen, Essstörungen, selbstverletzendem Verhalten, etc. Irgendwann hatte ich die Abendschule abgebrochen, hatte meine Aufträge abgesagt und war bei meiner besten Freundin verschuldet, weil ich die Miete nicht mehr zahlen konnte. Ich hatte das Gefühl alleine zu sein mit meinen Problemen und nicht die Hilfe zu bekommen, die ich gebraucht hätte.
.
So summierten sich alle Probleme solange auf, bis ich in der Nacht vom 5. auf den 6. November 2014 einen ersten Suizidversuch unternahm.
Nun war meine Mutter vor etwa 30 Minuten im Schlafzimmer verschwunden und es schien, als würden meine Eltern schlafen. Ich konnte mich endlich umbringen.
.
Das genaue wie, werde ich an dieser Stelle auslassen. Tatsache ist: Mitten im Suizidversuch merkte ich, dass ich es auf diese Art nicht schaffen würde, den Suizid wirklich zu vollenden. Ich war selbst für einen Suizid zu dumm und schwach. Konnte ja sonst schon nichts in meinem Leben, aber selbst zum sterben, hat es nicht gereicht.
.
Am nächsten Morgen bin ich aufgestanden und habe getan, als wäre nie etwas gewesen. Ich war Abends sogar auf dem Linkin Park-Konzert, das mir mein Bruder zum Geburtstag, Monate zuvor, geschenkt hatte.
.
Eigentlich besserte sich meine Situation in den folgenden Monaten. Ich zog zurück zu meinen Eltern, hatte wieder Aufträge und fühlte mich langsam besser.
Im April 2015 ließ ich mich aber von einer Sache nochmal so triggern, dass ich einen zweiten Suizidversuch unternahm.
.
Ich weiß noch, warum ich mir damals das Leben nehmen wollte. Ich werde es an dieser Stelle allerdings nicht näher ausführen, was die Gründe waren, weil Menschen aus meinem Umfeld involviert waren. Die Art und Weise war die Gleiche wie beim ersten Mal, allerdings muss ich sagen, ist sonst nicht viel in Erinnerung geblieben. Aus welchen Gründen auch immer, ist der zweite Versuch nur noch ganz blass in meinem Kopf. Ich weiß, warum und wie, aber sonst nichts. Nicht mal das ganz genaue Datum erinnere ich. Ich kann nur einen ungefähren Zeitraum von einer Woche, in der es passiert sein musste, ausmachen, weil ich die Woche danach arbeiten musste.
.
Ich erinnere mich, wie ich in der Woche drauf, die Spuren meines Suizidversuches verdecken musste, damit die Kunden es nicht sehen. Ich musste Teile meiner Geschichte verstecken. Tagsüber immer ein Lächeln im Gesicht, abends musste ich die Überbleibsel meines Suizidversuches versorgen und pflegen. Nur durch diese Erinnerung kann ich noch ausmachen, in welcher Woche der zweite Suizidversuch stattgefunden hatte.
.
Vielleicht fehlt mir die Erinnerung, weil ich diesen Suizidversuch nie so richtig ernst genommen habe. Irgendwie war es immer „der Suizidversuch, der gar nicht so richtig ernst gemeint war“.
„Also, wenn ich gewollt hätte, hätte ich von Anfang an effektiver agieren können.“
Das war in etwa das, was ich Jahrelang über diesen zweiten Versuch gedacht habe. Mittlerweile sehe ich das Ganze etwas anders. Ja, ich hätte „effektiver“ agieren können, wenn ich wirklich sterben hätte wollen. Doch ein Suizidversuch ist ein Suizidversuch und wird immer ein solcher bleiben. Egal, wie ernst man ihn meint, oder wie „effektiv“ man ihn angeht. Der Gedanke sein Leben zu beenden und dann Taten zu unternehmen, die zum Tode führen KÖNNTEN, bleiben ein Suizidversuch.
.
In beiden Fällen habe ich mit niemandem darüber geredet. Ich habe mein Leben weitergelebt, als wäre nie etwas gewesen. Ich bin arbeiten gegangen, habe Freunde getroffen und mit meinen Eltern für ein gutes 3/4 Jahr zusammen unter einem Dach gelebt. Ich hatte niemandem erzählt, an welchem dunklem Moment ich in meinem Leben war… und das zwei Mal.
.
Einige Monate später habe ich das erste Mal, anonym, auf Instagram und meinem damaligen Blog über meinen Suizidversuch gesprochen. Damals habe ich das alles nur angedeutet dargestellt. Ausgesprochen, was es wirklich war, habe ich nicht. Das hat Jahre gedauert. Leider kann ich heute nicht mehr erinnern, wann ich, wie genau, offen erzählt habe, dass ich zwei Suizidversuche überlebt habe. Ich meine, es wäre als erstes über Instagram passiert.
.
Irgendwann, lange Zeit nach den Versuchen, habe ich es meinen engsten Freunden „angedeutet“. Es hat Jahre gebraucht, bis ich sicher wusste, dass mein engster Freundeskreis weiß, dass ich zwei Suizidversuche überlebt habe. Und auch heute bin ich unsicher, ob ich es je klar ausgesprochen habe, oder ob die Betreffenden es auch über Instagram/Youtube und meine Andeutungen erfahren haben. Es beim Namen nennen fällt schriftlich zehntausend mal einfacher, als von Angesicht zu Angesicht.
.
Heute bin ich 26 Jahre jung und Überlebende. Überlebende von zwei Suizidversuchen. Für Menschen, die so etwas nie am eigenen Laib erfahren mussten, klingt sowas oft übertrieben und irgendwie pathetisch. Für Menschen, die selbst durch ähnlich dunkle Zeiten gehen mussten, ist oft verständlich warum man den Begriff „Überlebende“ wählen kann und sollte.
.
Etwas überlebt haben, wird oft mit einem schweren Kampf gleichgesetzt. Nichts anderes sind Suizide. Die wahrscheinlich schwersten Kämpfe, die Menschen kämpfen können. Gegen den eigenen Kopf ankämpfen und die Oberhand über die dunkle Stimme im Kopf gewinnen, ist schwieriger, als die meisten Leute meinen. Die einen gewinnen den Kampf, in dem sie weiterleben. Die anderen, in dem sie von ihrem Leid befreit sind.
.
Ich habe den Kampf überlebt…indem ich weiterlebe. An vielen Tagen weiß ich, warum es gut ist, dass ich den Kampf überlebt habe. Doch an manchen Tagen frage ich mich auch heute noch, wieso ich damals überlebt habe. Der Kampf gegen die eigenen Suizidabsichten ist ein Lebenslanger Kampf. Egal wie viele Jahre seit dem Suizidversuch vergangen sind: Die Erinnerung an den größten Kampf des Lebens, wird man für immer in sich tragen.

Veröffentlicht von Kleinekaeferin

25. Freiberuflich im Zirkus unterwegs und über die Hälfte ihres Lebens psychisch erkrankt. Alle Gedankengänge, die für Instagram zu lang sind, kommen in Zukunft hier hin.

Ein Kommentar zu “Welttag der Suizidprävention – Meine Suizidversuche

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: