Wieso ich öffentlich über meine Erkrankungen schreibe

Triggerwarnung:
Im heutigen Blog-Eintrag geht es um Suizide und die Aufklärung über solche. Solltest Du betroffen sein und dich leicht triggern lassen, pass bitte auf dich auf und lese diesen Beitrag nur, wenn Du Dich wohl damit fühlst.

Solltest Du das Gefühl haben, Hilfe zu brauchen, findest Du diese bei der Telefonseelsorge: https://www.telefonseelsorge.de/international-helplines/

Desweiteren habe ich für Angehörige einen Blog-Eintrag verfasst, wie man Suizidabsichten erkennen kann und was man tun sollte:
https://kleinekaeferin.blog/2020/09/10/welttag-der-suizidpraevention-anzeichen-und-hilfe/
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Du bist nicht alleine und Du kannst den Kampf gegen die Ausweglosigkeit gewinnen!


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Heute war wieder einer dieser Tage, an denen ich verdeutlicht bekommen habe, wieso ich das hier eigentlich mache. Wieso ich seit Jahren für jeden sichtbar poste, was ich für Hürden im Leben mitnehmen muss. Wie ich mit meinen psychischen Erkrankungen und meiner „neuen“ chronischen Erkrankung lebe.

Wieso ich das alles öffentlich, mit meinem Gesicht, schreibe, obwohl Arbeitskollegen und Kunden mitlesen.

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„Wir haben seit Beginn von Corona, so viele Suizide gefahren, wie noch nie.“

Zitat meines Bruders, der bei der Freiwilligen und der Berufsfeuerwehr ist. Das Gespräch ging dann einige Minuten darum, dass hier im Stadtgebiet, die Suizidzahlen wohl angestiegen sein. Durch Aussagen von denen, die im Rettungswesen tätig sind, erfährt man viele solcher Dinge, die die Öffentlichkeit normalerweise nicht mitbekommt.

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„Ja, aber wer sich das Leben nimmt, hat doch se doch eh nicht mehr alle beisammen. Also sie sind doch eh komplett bekloppt in der Birne.“

Zustimmung von allen am Tisch, außer meiner Schwägerin und mir. Wir beide arbeiten im sozialen/pädagogischen Bereich. Die im Kinderheim, ich seit Jahren an Schulen, Kitas, Heimen, Jugendeinrichtungen… aber auch schon an Kinder- und Jugendpsychiatrien. Wir beide wissen, dass Suizide nicht nur von denen unternommen werden, die „komplett“ bekloppt sind.

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Sie weiß es aus ihrer Arbeit, ich vor allem aus eigener Erfahrung. 2014 und 2015 habe ich zwei Suizidversuche unternommen. Beide im Haus meiner Eltern, als sie daheim waren. Beide Male, als ich nach außen hin zwar eine schwere Zeit hat, aber vermeintlich zurecht kam.

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Beim ersten Mal war es eine Monatelange Ansammlung von Belastungen und dem nicht mehr wollen. Ich konnte noch, dass wusste ich. Ich hatte zu dem Zeitpunkt bereits 7 Jahre gegen meine Psyche gekämpft, da würde ich auch noch länger kämpfen können… aber ich wollte nicht mehr. Die Gedanken waren schon öfter zuvor da, an dem Tag war es dann aber klar. Stundenlang stand der Entschluss fest und ich habe stundenlang gewartet, bis ich sicher war, meine Eltern schlafen selig eine Etage über mir.

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Der zweite Suizidversuch war eine Kurzschlusshandlung. Ein falscher Moment, ein falsches Wort und zack… da war klar, dass mach ich nicht mehr mit.

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Über das genaue wie, gebe ich keine klare Auskunft, auch wenn man es sehr gut erahnen kann, wenn man mir länger folgt, doch denen, die in einer Krise sind, will ich keine Tipps geben. Nur so viel: Ich weiß ganz genau, wie man sich am „besten“ das Leben nimmt.

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„Aber gibt es denn keine sichere Möglichkeit? Wenn du sagst, der ist aus dem 9. Stock gesprungen und ist noch ansprechbar ins Krankenhaus gekommen?“

Mein Vater fragt nach, weil er sich fragt, wieso Menschen einen Weg wählen, der ja scheinbar nicht 100% sicher ist.

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„Jein. Jeder Weg ist unsicher, wenn Du nicht dafür sorgst, dass er sicher in den Tod führt. Wenn jemand 100% überzeugt ist, sorgt er für den sicheren Tod.“

Mein Kommentar dazu. Die Tochter, die seit über 13 Jahren psychisch krank ist und zwei Suizidversuche unternommen hat, redet in der Familie über Suizide, als wäre es kein besonderes Thema. Ich erzähle darüber, wie man auch bei einem Sprung aus niedriger Höhe sicherstellen kann, wirklich zu sterben. Als wäre es das normalste der Welt.

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Ich zucke kaum mit der Wimper und auch so, nimmt es mich kaum mit, darüber zu reden. Kein stottern, kein Zittern, keine schnelle Atmung. Wieso? Weil ich bereits so oft zuvor darüber geredet habe. Weil ich so oft zuvor, darüber geredet habe, was Suizide eigentlich bedeuten und was es mit Menschen macht.

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Nun sitze ich zuhause und bin wieder einmal sicher, dass richtige zu tun. Das richtige damit zu tun, dass ich darüber schreibe. Aufkläre, in dem ich meine Geschichte immer und immer wieder erzähle.

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Denn solange meine Familie auch weiterhin nicht versteht, dass die Tochter, über die Hälfte ihres Lebens psychisch krank ist und solange meine Familie auch weiterhin nicht zwischen den Zeilen liest, in denen ich ihnen immer und immer wieder mitteile, dass ich selbst zu den „bekloppten“ gehöre, die doch „eh nichts mehr mitbekommen“, solange ist meine Aufgabe nicht erledigt. Für Aufklärung zu sorgen.

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Es ist einfacher, es Fremden gegenüber auszusprechen, bzw zu schreiben, als der eigenen Familie. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich in der Vergangenheit schon tausendmal gesagt habe, was ich für Probleme habe und tausendmal nicht ernst genommen wurde. „So schlimm ist das doch bei dir alles gar nicht.“

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Ich habe es irgendwann aufgegeben, darauf zu hoffen, dass meine eigene Familie es irgendwann begreift.

Auch, wenn sich das Dank meines Neffens nun ändert. Mein Bruder ist zugänglicher geworden. Er strahlt mehr Ruhe aus. Mehr Verständnis. Mehr Empathie. Sein Sohn macht wohl was mit ihm.

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Doch, obwohl ich nicht hoffe, meine Familie aufzuklären und ihnen die Augen zu öffnen, so hoffe ich auf andere Menschen.

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Eine Mutter, ein Vater, ein Sohn, eine Tochter, ein Onkel, eine Tante, eine Oma, ein Opa, eine Frau, eine Ehemann, oder vielleicht auch die beste Freundin.

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Ich hoffe, dass es diese Menschen sind, die ich erreiche. Die meine Gedanken zu dem Thema lesen. Die sich vielleicht fragen, was mit ihren Liebsten gerade los ist, oder die verstehen wollen, wieso jemand einen Suizidversuche unternimmt. Vielleicht auch jemand, der durch Zufall auf meine Beiträge stößt und darin stöbert. Jemand, der dann an meinen Worten hängen bleibt und darüber nachdenkt.

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Dem plötzlich klar wird, wieso sein liebster Mensch so ist, wie er ist. Der plötzlich erkennt, dass der liebste, vielleicht viel mehr mit dem Leben kämpft, als man es bis dahin dachte.

Wo einem Elternteil vielleicht plötzlich die Erkenntnis kommt: „Ich muss was tun. Mein Kind zeigt vieles von dem, worüber Marie schreibt. Vielleicht geht es meinem Kind so schlecht, dass es auch schon kurz vor dem Suizid steht.“

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Ich wünsche es niemandem, dass er sowas mit seinen Liebsten durchmachen muss, allerdings sprechen die Zahlen für sich. (Wer ein wenig auf Statistiken steht und sich mal erschreckende Zahlen bzgl Suiziden und den Versuchen, durchlesen will, wird hier fündig: https://kleinekaeferin.blog/2020/09/10/welttag-der-suizidpraevention-anzeichen-und-hilfe/)

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Viele Menschen werden unfreiwillig mit dem Thema konfrontiert, ob sie wollen oder nicht. Ob als direkter Verwandter, oder als Arbeitskollege.

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Suizide und ihre Versuche, passieren häufiger, als es sich viele vorstellen können.

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Und solange es immer noch eine enorme Dunkelziffer gibt, solange kämpfe ich weiter für Aufklärung. Dafür, dass Angehörige die frühsten Anzeichen schon deuten können und wissen, was zu tun ist.

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Am Ende des Tages, weiß man nie, wem man hilft, in dem man seine eigenen Erfahrungen teilt. Mit der Endometriose ist es mir bewiesen worden.

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Seit Juli habe ich diverse Nachrichten von Betroffenen bekommen, die mich nach Tipps und Erfahrungen fragten. Ich konnte ihnen ein wenig weiterhelfen und das, obwohl ich „nur“ 200 Follower habe und durchschnittlich 50 Story-Gucker. Und das alles, weil ich unter den Hashtags: Endometriose, Adenomyose, Uterus Subseptus und Bauchspiegelung, meine Erfahrungen gepostet habe.

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Der Austausch mit psychisch Erkrankten hält sich in Grenzen, findet aber auch statt. Die Hemmschwelle ist für viele größer, zu sagen: „Hey, ich bin auch psychisch erkrankt“, als zu sagen: „Hey, ich bin auch chronisch erkrankt.“

Und das ist okay. Keiner muss darüber reden, wenn er sich nicht bereit dazu fühlt.

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Aber ich weiß, wie viele Betroffene still und heimlich mitlesen… und ich hoffe, dass am Ende des Tages vielleicht nur einer von ihnen zu sich selbst sagen kann:

„Das, was Marie schreibt, ist das, was ich fühle. Die bringt es zum Ausdruck, was ich denke. Da ist jemand, der mich versteht.“

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Am Ende des Tages, kann es Leben retten, wenn jemandem das Gefühl hat, verstanden zu werden. Egal, ob von den eigenen Angehörigen, oder einer Fremden aus dem Internet. Wer sich verstanden fühlt, fühlt sich automatisch ein bisschen weniger allein.

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Ich hoffe, DU fühlst dich heute auch, ein bisschen weniger allein. 🙂

Veröffentlicht von Kleinekaeferin

25. Freiberuflich im Zirkus unterwegs und über die Hälfte ihres Lebens psychisch erkrankt. Alle Gedankengänge, die für Instagram zu lang sind, kommen in Zukunft hier hin.

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