Ich befinde mich in einem Prozess und dafür brauche ich offene Ohren, aber keine „schlauen“ Kommentare.

Da sich aktuell einige Nachrichten bei Instagram und WhatsApp ansammeln, mal mein Wort am Sonntag…

Ich ertrage andere Menschen gerade einfach nicht.

Die letzten Wochen kamen so viele Bemerkungen von Freunden und Familie, darüber was ich tun und lassen soll, aber vor allem, dass ich mich mal entspannen soll. Die ganze Situation nicht so schlimm sehen soll und das alles kein Weltuntergang ist… das sagt sich leicht, wenn man nicht in meiner Haut stecken muss und das nicht alles selbst erlebt.

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Das sagt sich so leicht, wenn man selbst nicht operiert wurde und die Schmerzen nicht selbst fühlt. Wenn man nicht weiß, was guter und normaler Schmerz ist und was schlechter.

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Wenn man nicht wochenlang herumlungert, weil es das einzige ist, was man tun kann, obwohl man sich bewegen will.

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Wenn man sich nicht Hormone einschmeißen muss, in der Hoffung, dass man zu dem 1/3 gehört, bei dem die Hormone Wirkung zeigen… und nicht nur Nebenwirkungen.

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Wenn man nicht zu denen gehört, die sich durch ihre Arbeitslosigkeit Gedanken machen müssen, wie es nun weiter geht. In der nächsten Zeit, mit zweiter Op, mindestens 3 Stunden am Tag arbeiten gehen soll, so wie der Hartz4-Antrag es verlangt? Wie soll das gehen?

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Wenn man sich nicht mit 26 Jahren in einem gesundheitlichen Zustand befindet, an dem einen nicht nur Rehamaßnahmen zustehen, sondern man sich ernsthafte Gedanken um die Anerkennung einer Behinderung machen muss.

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Wenn man gerade keine offenen Ohren findet, ohne immer irgendwelche Kommentare zu bekommen, die fehl am Platz sind.

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Wenn man nicht selbst mit psychischen Erkrankungen kämpft, die nicht nur seit über 13 Jahren bestehen, sondern gerade auch alles noch viel anstrengender machen.

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Wenn man nicht grübeln muss, wie man eigentlich an einen Therapieplatz kommen soll, weil entweder 9 Monate Wartezeit bestehen; die verfügbaren Therapeuten nicht für einen selbst geeignet sind; oder man in eine Klinik weit entfernt müsste, um gute und adäquate Therapie zu bekommen.

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Wenn man sich nicht jeden Tag eine Notiz mehr macht, auf dem Zettel, den man mit seinen Ärzten abarbeiten muss. Stimmen meine Blutwerte, weil danach fühlt es sich nicht an?! Soll ich bei meinem Schmerzmittel bleiben, oder was anderes nehmen? Welche Sozialrechtliche Möglichkeiten habe ich, Gelder zu bekommen? Wieso blute ich seit 3 Wochen durchgängig? Wieso tun meine Bauchmuskeln jeden Tag weh? Was tu ich gegen das morgendliche mit Schmerzen wach werden, weil man nach 7 Stunden eine fast explodierende Blase hat, aber nachts nicht mehr dafür den Wecker stellen will?

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Wenn man nicht mal scheiß Phasen hat, an denen man sich fragt, wieso es ausgerechnet einen selbst nun auch noch mit einer schweren-chronischen Erkrankung umgehauen hat.

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Wenn man sich nicht schon mal mental auf einen künstlichen Darmausgang einstellen muss, weil die Chancen, dass man vielleicht ja doch drum herum kommt, obwohl alle Ärzte schon was anderes gesagt haben, mit jedem Tag geringer werden.

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Wenn man sich nicht damit anfreunden muss, demnächst in einen Beutel zu scheißen, während man mit anderen Menschen beim Essen, oder abends auf der Couch sitzt.

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Wenn man sich nicht mit 26 die Frage stellen muss, ob es nicht vielleicht die klügste Entscheidung wäre, alles herausnehmen zu lassen, was Probleme macht.

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Wenn man sich nicht mit 26 Jahren, die Frage stellen muss: Will ich mal Kinder? Um welchen Preis würde ich welche wollen? Sollte ich jetzt wirklich meine Eizellen einfrieren lassen? Will ich mir das überhaupt mit meinem geschundenen Körper antun?

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Es ist vieles, so viel leichter zu sagen, wenn man nicht selbst betroffen ist. Wenn man derjenige ist, der daneben steht und nicht mal ansatzweise erahnen kann, wie es der betroffenen Person wirklich geht.

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Ich will von euch keine Ratschläge.

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Ich will nicht hören, dass ich unbedingt zum Arzt gehen muss!

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Ich will nicht hören, dass ich unbedingt zuhause raus muss und mal was anderes tun muss, als alleine zuhause zu sitzen.

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Ich will nicht hören, was irgendein Mensch, in irgendeiner Zeitung, oder in irgendeinem Tv-Bericht erzählt hat, was super helfen würde.

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Ich will auch nicht hören, wie andere Menschen vielleicht auch Schwierigkeiten hatten, schwanger zu werden und es tausendmal probiert haben, bis es klappte.

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Ich will nicht hören, was euch hilft, wenn ihr mal etwas Unterleibschmerzen habt, oder mal eine Migräne. Wenn euch mal schlecht ist, oder ihr mal Durchfall habt. Wenn ihr mal keinen Appetit habt, oder mal alles fressen könntet, was bei drei nicht auf dem Baum ist.

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Ich will nicht hören, dass alles gut wird. Dass es bestimmt alles halb so wild ist. Dass es mir doch bestimmt bald besser geht.

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Ich bin schwer-chronisch krank und das unheilbar. Meine Endometriose wird nicht mehr vergehen. Für die nächsten etwa 20 Jahre werde ich weiter mit der vollen Brandseite an Symptomen leben. Danach kann ich hoffen, dass es nach der Menopause deutlich entspannter wird. Eine Garantie gibt mir aber niemand darauf, dass alle Symptome dann verschwinden.

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Ich bin schwer-chronisch krank und das schon seit etwa 15 Jahren. 15 Jahre habe ich bei diversen Ärzten meine Symptome vorgetragen und immer hieß es: „Ist alles super. Alles gut. Alles wie es sein soll.“ 15 Jahre lang ließen mich die Halbgötter in Weiß, in dem Glauben, dass ich mir meine Probleme einbilde. Einfach überempfindlich bin. Ein Sensibelchen, dessen Psyche auf den Körper schlägt.

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15 Jahre musste ich mir von Freunden und Familie anhören, das könnte alles nicht so schlimm sein. Ich müsste halt mal zum Arzt gehen und das abklären lassen. Und selbst jetzt, nachdem die Diagnose kam, musste ich mir anhören: „Hab ich dir doch vor Jahren schon gesagt, dass Du das vielleicht haben könntest.“

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Und vor vier Jahren war ich bei meiner damaligen Gyn und habe gesagt: „Meine Schmerzen werden immer schlimmer und die Schmerzmittel wirken immer weniger. So kann es nicht weitergehen.“ Und ich bekam wieder zuhören, dass alles top in Ordnung sei.

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Ich bin schwer-chronisch krank und mit meiner Vorgeschichte von psychischen Erkrankungen und nun dem hinzukommen meiner schweren-chronischen Erkrankung, habe ich beste Chancen auf Anerkennung eines Behindertengrades. Je nachdem wie das Urteil ausfällt, sogar auf einen Schwerbehindertenausweis.

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Ich bin schwer-chronisch krank und das weiß ich seit gerade einmal drei Wochen zu 100% sicher. Ich brauche Zeit. Zeit um selbst zu verstehen, was mit mir passiert. Wie es nun weitergeht. Was ich vom Leben will oder nicht will. Wo ich mich in ein paar Jahren sehe, oder auch nicht sehe.

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Ich brauche offene Ohren, die einfach zuhören. Die im Zweifel einfach nur stumm neben mir sitzen, zuhören und am besten nichts sagen, wenn sie nicht wissen, was sie sagen sollen, anstatt „kluge Kommentare abzugeben“.

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Ich brauche offene Ohren, die mich in Ruhe lassen, wenn ich nicht reden will. Die sich nicht aufdrängen, sondern einfach nur einmal das Angebot machen, zu zuhören.

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Ich brauche offene Ohren, die nicht sagen, dass alles absurd ist, was mir durch den Kopf geistert, sondern die sagen: „Ich hab zwar das Gefühl, dass wird dir nichts bringen, aber wenn Du willst probieren wir es aus.“

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Ich brauche offene Ohren, die vielleicht auch einfach mal mit mir weinen, wenn meine Welt mal wieder in tausend Einzelteile zerfällt.

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Und ich brauche vor allem offene Ohren, die nicht alles gleich auf meine Psyche schieben, wenn ich ein paar Tage in Folge sage, wie scheiße alles ist.

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Ich befinde mich in einem Prozess. Die erhaltenden Diagnosen zu verstehen und zu begreifen. Den Weg, der vor mir liegt, klar sehen zu können. Mich und meinen Körper neu zu verstehen. Andere Menschen neu zu verstehen. Mich nicht mehr von allem und jedem, ständig angegriffen zu fühlen, weil jeder ständig in meine frischen Wunden fasst.

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In einem Prozess der Trauer, über das, was mir vor drei Wochen verloren gegangen ist. Ein Leben, in dem ich dachte, ich hätte nur einen psychischen Knacks und wäre körperlich aber „top fit“, wenn ich denn nur ein bisschen mehr Sport triebe. Ein Leben, in dem ich mir keine Gedanken machen musste, wie ich die nächsten Jahrzehnte körperlich überstehen werde.

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Mir ist etwas genommen worden, dass zum „normal“ sein dazugehört. Ein gesunder Körper. Dafür etwas gegeben worden, was einen zu einem Behinderten macht. Eine schwere-chronische, nicht heilbare, Erkrankung.

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Ich befinde mich in einem Prozess… von dem weder Du, noch ich, wissen, wann dieser vergeht, oder ob er nicht ein lebenslang bleiben wird.

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Aktuell geht es einzig und allein um mich, meine Belange und Probleme. Um das, was mich umtreibt. Und nicht darum, wie Du mit dieser neuen Situation zurecht kommst. Wie Du lernen kannst, als Freund oder Familienangehöriger mit meinen Problemen umzugehen. Wie Du lernst, dich daran zu gewöhnen, dass ich immer körperlich zurück stecken werde und niemals mehr so fit sein werde, wie andere es sind oder sein könnten.

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Es geht aktuell um mich und meinen Prozess, mit alle dem zu leben. Mich zu arrangieren und mein Leben neu zu erleben.

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Irgendwann… irgendwann werde ich dir dann helfen, damit umzugehen, dass deine Schwester, Tochter, Freundin oder Arbeitskollegin, schwer-chronisch krank ist. Ich werde dir helfen, damit zu leben, dass ich nicht immer mithalten kann. Das ich bei vielen Dingen, immer Hilfe brauchen werde.

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Irgendwann helfe ich dir zu akzeptieren, was mit mir los ist… aber jetzt hilf mir, mich und mein eigenes Leben zu akzeptieren.

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Denn jetzt stehe mal wieder ich im Vordergrund… auch wenn ich das in der Vergangenheit schon oft genug getan habe, wenn es um meine Gesundheit ging.

Veröffentlicht von Kleinekaeferin

25. Freiberuflich im Zirkus unterwegs und über die Hälfte ihres Lebens psychisch erkrankt. Alle Gedankengänge, die für Instagram zu lang sind, kommen in Zukunft hier hin.

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