Brief an meine Schwägerin

Dies ist einer von zwei Briefen, die dem Hochzeitsgeschenk meines Bruders und seiner Frau bei lagen.
Ich habe ihnen 50€ geschenkt, geheftet an einen Gutschein für‘s Babysitten, wenn mein Neffe demnächst da ist, damit die beiden sich dann mal einen schönen Abend machen können. Doch irgendwie war mir das von Anfang an zu unpersönlich…

Ich habe Wochenlang mit diesen Briefen gekämpft. Der meiner Schwägerin ging mir am Tag der kirchlichen Trauung locker von der Hand (auf den letzten Drücker arbeiten, klappt manchmal halt doch besser), doch der meines Bruders…

Tja, das könnt ihr hier lesen, wie gut mir das mit dem Brief an meinen Bruder gelungen ist: https://kleinekaeferin.blog/2020/08/10/brief-an-meinen-bruder/

Namen sind durch Punkte ersetzt, weil ja nicht jeder direkt alles über unsere Familie wissen muss. 😉
_______________________________________________________________________


Liebe …,

Endlich haben wir es geschafft: Endlich bist Du Teil der Familie … und das jetzt auch ganz offiziell. 🙂

Ich freu mich sehr darüber, dass genau Du meine Schwägerin geworden bist und dafür gibt es einige gute Gründe.

Als wir neulich zum Brunchen bei meiner Mutter waren, hatte ich ja durchblicken lassen, was … früher für ein Kotzbrocken zu mir war. Glaub mir, der hat mich echt ganz schön auf dem Kicker gehabt und jeden Tag gegen mich gefeuert. Man merkt natürlich auch so, dass er älter geworden ist, aber seitdem Du Teil seines Lebens bist, ist er nochmal viel entspannter geworden, was viele Dinge betrifft.
Seitdem Du Teil seines Lebens bist, ist er mir gegenüber auch entspannter geworden. Früher hatte ich das Gefühl, ich könnt ihm nie was recht machen. Eigentlich war ich als Person an sich schon verkehrt und hätte gerne umgetauscht werden können.

Irgendwie ist er ruhiger geworden, bedachter in seinen Worten mir gegenüber und kann hin und wieder auch mal zeigen, dass seine Schwester gar nicht so doof ist, wie er früher immer meinte. Ich bin unsicher, was er dir alles über uns als Familie erzählt hat und noch viel unsicherer, was Du eigentlich über mich weißt. Und weil ich seit Monaten schon denke, dass Du eigentlich so eins, zwei Sachen über mich wissen müsstest, weil sie in unserer Familie nie laut ausgesprochen werden, mag ich einen kurzen Ausflug in mein Leben machen, obwohl wir uns ja auch schon recht lange kennen.

Ich hab dank der Schulzeit irgendwann die Ausfahrt ins Glück verpasst und seitdem jeden Mist mitgenommen, den ich mir vorstellen kann. Das Resultat: Ich gelte seit mittlerweile 13 Jahren als psychisch erkrankt und bin mit diversen Dingen diagnostiziert. Von Borderline, über Essstörungen, bis hin zur Angst- und Panikstörung ist gefühlt alles dabei. Die letzten Jahre waren ruhiger, dank Corona ist gerade wieder viel Chaos, weil alles, was ich mir aufgebaut hatte, mit einmal weg war und dann kam noch die Endometriose-Diagnose hinzu… Lief dieses Jahr wieder so richtig gut bei mir…

Aber weißt Du, was mich seit Monaten trotzdem weiter kämpfen lässt, obwohl ich zweitweise wieder über‘s aufgeben nachgedacht habe? Dass ich weiß, dass demnächst so ein Zwerg auf die Welt kommt, der außer mir keine Tanten und Onkels haben wird und ich ja dementsprechend den Teil der verrückten Tante abdecken muss… und verrückt kann ich gut! 😀

Ich werde die Tante sein, die bei Familienfesten immer irgendwie Abseits sitzen wird, weil sie soziale Interaktionen im Privaten Rahmen echt fürchterlich beängstigend findet. Ich werde die Tante sein, die mit komischen Geschenken um die Ecke kommt, die für andere erstmal keinen Sinn ergeben (wartet nur auf das Willkommensgeschenk für Ben), aber gut durchdacht wurden. Ich werde die Tante sein, die ihrem Neffen von Anfang an einredet, dass er nicht auf das hören soll, was ihm vielleicht mal irgendwann an Gemeinheiten entgegen gebracht wird. Ich werde die Tante sein, die ihn irgendwie gut durch die Schulzeit bringt, damit er es mal besser und einfacher als seine Tante hat. Ich werde die Tante sein, die ihn Nachts um 3h irgendwo in der Disko einsammelt und ihn zuhause auf dem Sofa seinen Rausch ausschlafen lässt, wenn er nicht will, dass ihr mitbekommt, dass er etwas zu weit gegangen ist. Ich werde die Tante sein, die ihm kluge Ratschläge über die Liebe gibt, wenn sein Herz das erste mal gebrochen wurde. … Wir können das noch ewig so weiterführen… Aber vor allem werde ich die Tante sein, die ihm von Anfang an sagen wird, dass er gut so ist, wie er ist und es nichts gibt, was er an sich ändern muss. Egal, ob es seine Art und Weise ist, wie er spricht, sich bewegt; ob es die Art ist, wie er sich kleidet, wen er liebt, oder was er mal beruflich machen will. Solange er nicht irgendwann zum Kotzbrocken wird, werde ich ihm immer sagen, dass er sehr von seiner Familie geliebt wird und perfekt ist, wie er ist.

Ich bin froh, dass Du Teil unserer Familie geworden bist, weil ich bei dir sehr sicher bin, dass Du, genau wie ich, … von Anfang an immer sagen wirst, dass er geliebt wird und perfekt ist, wie er ist. Klar wirst auch Du als Mama nicht immer alles perfekt machen, verlangt auch niemand von dir, aber ich weiß, dass Du eine der liebevollsten Mama‘s auf dieser Welt sein wirst, die zu ihrem Kind steht, egal was passiert.
… hat unfassbares Glück, dich an seiner Seite zu haben und ich hoffe für ihn, dass er das weiß.

Willkommen in der Familie und auf das, dass Du uns nie wieder verlässt. 😉

Veröffentlicht von Kleinekaeferin

25. Freiberuflich im Zirkus unterwegs und über die Hälfte ihres Lebens psychisch erkrankt. Alle Gedankengänge, die für Instagram zu lang sind, kommen in Zukunft hier hin.

2 Kommentare zu „Brief an meine Schwägerin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: