Warum ich Familie hasse und wie schnell ich in Panik verfallen kann


Heute war einer der Tage, an denen ich wieder wusste, wieso ich Familie so hasse.
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Meine Familie fragte neulich, ob mein Laptop einen HDMI-Anschluss besitzt, weil sie einen Beamer anschließen müssen und kein Gerät haben, wo HDMI passte. Der Plan war ein Bild auf eine Leinwand zu projizieren und dann zu malen, dass mein Bruder und seine Verlobte gerne an der Wand im Kinderzimmer hängen hätten.
Da ich meinen Laptop aktuell auch eigentlich nicht brauche, weil ich nur noch das Handy und das IPad nutze, hab ich den Laptop zur Familie gebracht, mit der Aussage: „Könnt ihr erstmal behalten.“
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Den großen Fehler, den ich begangen habe? Vorher nicht die Festplatte leer räumen, oder einen Gast-Account erstellen. Stattdessen hat meine Familie nun Zugriff auf alle Daten, wenn sie will. Inklusive Google Chrome und allen gespeicherten Accounts, die ich so im Internet nutze. Ich hab alles vom Desktop in einen unübersichtlichen Ordner geschmissen und Google Chrome als Verlinkungen gelöscht, in der Hoffnung, dass dies schon vom Schnüffeln meiner Mutter abhält, weil sie die Sachen einfach nicht findet.
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An dieser Stelle ein Einschub aus der Vergangenheit: Als ich vor 6 Jahren ausgezogen bin aus dem elterlichen Haus, habe ich jeden Winkel des Hauses auf den Kopf gestellt, ob ich noch Sachen von mir, vor allem Unterlagen finde, die für mich wichtig sein könnten. Dabei fand ich nebst Rentenversicherungsnummern und Kinder- und Jugendpsychiatrieunterlagen, auch einen Zettel mit diversen Zugangsdaten. Internetseiten, Email-Adresse und Passwort. Allesamt von mir. Meine Mutter musste wohl damals meinen Laptop durchsucht haben und alles notiert haben, was sie finden konnte. Dementsprechend ist meine Sorge, sie könnte schnüffeln, wohl begründet.
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Nun musste ich heute nochmal bei meinen Eltern vorbei, weil ich die Vorlagen für meine Rechnungen neulich aus meinen Clouds gelöscht habe und somit nicht vom IPad oder Handy aus, meine Rechnung für die drei Arbeitswochen schreiben konnte.
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Als ich da war, baten meine Eltern mich, am Abend ein Foto von ihnen zu machen. Kleine Notiz: Es gibt ein Hochzeitsgeschenk für meinen Bruder und seine Verlobte, für das einige Fotos aus derem Familien- und Freundeskreis benötigt werden. So brauchten meine Eltern ein Foto, das Abends entstanden ist. Ich willigte ein und da ich schon um 16.00 Uhr bei meinen Eltern war, haben wir noch zusammen ein paar Spiele gespielt.
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Bis dahin ist erstmal alles Friede, Freude, Eierkuchen gewesen. Mein Vater und ich können Stundenlang in Frieden spielen, quatschen oder einfach schweigen. Irgendwann fing dann die Diskussion mit meiner Mutter an.
“Du brauchst doch auch noch ein Foto. Das können wir ja dann gleich machen.“
Nach einigen „Nein‘s“ meinerseits, gab es den Moment, an dem ich Klartext sprach. 
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Ich teilte meinen Eltern mit, dass ich nichts unangenehmer finde, als dieses Foto machen zu müssen. Dass ich es auch eh absolut kacke finde in sowas involviert zu werden, ohne gefragt zu werden, ob das cool für mich ist. Und dass ich es noch beschissener finde, dass diese ganzen, mir fremden, Menschen, alle in einer Liste lesen können, welches Foto ich machen muss und somit bei der Hochzeit sehen würden, wenn ich keines gemacht habe. Jeder würde sehen, dass die Schwester, des Bräutigams sich geweigert hat.
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Größer könnte man einen Menschen nicht bloßstellen und demütigen. Und nicht nur, würde es mich in ein unschönes Licht schieben. Nein, mein Bruder würde gleich mit in das Licht kommen, weil es heißen würde: „Was hat der denn für eine komische Schwester/Familie.“ 
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Für mich ist dieses Foto seit Wochen ein Alptraum. Ausgerechnet ich habe dann auch noch ein Motiv, dass man nicht irgendwo heimlich in einer abgelegenen Ecke machen kann, sondern ich soll zu einem Kiosk rennen. Mehr Fokus könnte man wahrscheinlich in der Öffentlichkeit nur bekommen, wenn es heißen würde: „Renn nackt in einen Supermarkt.“
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An dieser Stelle die Erinnerung an alle: Ich bin seit 10 Jahren diagnostizierte Borderlinerin mit Anpassungsstörung. Hinzukommen eine Angst- und Panikstörung, Ptbs, Essstörungen, etc. Es braucht für mich nicht einen Marktplatz, auf dem ich auf einem Podest stehe und alle zeigen mit dem Finger auf mich. Für mich braucht es manchmal nur, dass ich mich kurz verspreche, oder eine falsche Bewegung mache und ich breche in Panik aus. 
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Man kann sich also annähernd vorstellen, was es bedeutet, wenn ich an einem Kiosk vorbei rennen soll und jemand anderes fotografiert das Ganze auch noch. Ich möchte bei dem Gedanken daran lieber sterben, als das umsetzen zu müssen. Doch wie gesagt: Jeder könnte nachvollziehen, dass ich es war, die nichts abgeliefert hat und das dementsprechend Getratsche wäre groß. Zumindest sagt mir mein Kopf das. Und das reicht, um mir jetzt, in meinem geschützten Zuhause, Tränen in die Augen zu jagen und Herzrasen zu verursachen.
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Ich dachte eigentlich, das Gespräch wäre damit beendet und die Aussage: „Ich mach das wenn, mit meiner besten Freundin“ wäre eindeutig gewesen.. war sie wohl nicht, wie ich später feststellen durfte.
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Wir fuhren also mit dem Auto runter Richtung Innenstadt, weil meine Mutter da eine Ecke überlegt hatte, wo sie gerne ihr Foto machen würde. Mein Vater gab eine grobe Richtung an, wo ich parken sollte. Als ich geparkt hatte und fragte, wohin sie nun laufen wollen, meinten beide nur: „Na, zu dem Kiosk da oben. Dein Foto machen.“
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Es fehlte nicht viel, dass ich ausgestiegen wäre, gewartet hätte, bis die beiden gefolgt wären, abgeschlossen hätte und dann zu meiner Wohnung gelaufen wäre. Stattdessen wurde ich relativ aggressiv in meinem „Nein!“ Für mich war es vollkommen unklar, wie man nun wieder dieses Thema aufbringen konnte, obwohl ich keine drei Stunden vorher gesagt habe, dass ich das Ganze nicht mit meinen Eltern machen werde und erst Recht nicht in dem Stadtteil, in dem ich wohne.
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Irgendwann sagte meine Mutter, wo sie ihr Foto machen wollte, ich startete den Motor und fuhr zu der Ecke, damit das Thema einfach beendet war. Die Stimmung war danach scheiße, ich hab 30 Fotos für meine Eltern gemacht und sie dann zuhause abgesetzt. 
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Ich selbst parkte dann wieder genau dort, wo ich kurz zuvor mit den beiden schon mal stand, als wir diskutierten, dass ich dieses Foto nicht heute machen werde. Und ab hier fing es an, richtig unangenehm zu werden. Ich parkte dort, in genau der gleichen Lücke, wo ich vorhin zwei Minuten stand, bevor ich wieder los fuhr. Leute hatten das Ganze Szenario beobachtet und nun musste ich mir die Blöße geben, wieder dort auszusteigen. Wenn die gleichen Leute mich dort nochmal gesehen haben, müssen die sich mit Garantie gedacht haben: „Was veranstaltet die hier eigentlich?“
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Ich lief dann vom geparkten Auto quer durch die Innenstadt zu meiner Haustür. Dabei musste ich quasi durch den Außenbereich eines Cafés latschen, die ihren Außenbereich nämlich mitten auf dem Bürgersteig eröffnet haben. Ein Rollifahrer kommt da nicht mehr vorbei und muss auf die Straße ausweichen, aber zu Fuß geht es gerade noch so… wenn sich die Leute nicht wie heute, einfach Stühle hinzu holen und auch noch vor Kopf an den Tischen sitzen. Das sah ich aber auch erst, als es schon zu spät war und ich nicht mehr auf die Straße ausweichen konnte. Also musste ich den Bauch einziehen und die Luft anhalten, weil ich in Zeiten von Corona auch niemandem ins Gesicht atmen wollte. Die Leute juckte es null, dass ich mich vorbei quetschen musste, sie guckten mich nur schief an, als ich grimmig an ihnen vorbei stiefelte.
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Keiner von den Beteiligten kennt mich, trotzdem hat es mir ein absolutes Unwohlsein verpasst. Ich war noch aufgewühlter, noch genervter, noch aggressiver als vorher.. und noch mehr in Richtung Panik unterwegs. 
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Zum krönenden Abschluss fehlte noch, dass meine Lieblingspizzeria direkt neben unserem Hauseingang liegt. Die kennen mich, weil ich da recht häufig in der Vergangenheit bestellt habe und wir verstehen uns super, so dass ich auch mal den einen oder anderen Bonus geliefert bekomme.
Normalerweise grüße ich die auch immer, wenn sie draußen rauchen, oder ich sie durch die Scheibe sehe… die letze Zeit kann ich ihnen nicht ins Gesicht schauen, weil ich nach der Arbeit und Terminen immer irgendwie gestresst nach Hause kam… und heute war es besonders schlimm. Ich hätte, wie ich gerade zu, aus diesem Café-Chaos heraus taumelte, auf die Pizzeria zusteuerte, einfach heulen können, weil mir das alles unfassbar unangenehm war, ich mich nicht unwohler nach allem hätte fühlen können und eigentlich schon dabei war, eine. Panikattacke zu bekommen.
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Oben in der Wohnung angekommen, ließ die ganze Anspannung nach. Die Panikattacke blieb aus, was alleine daran liegt, dass ich direkt, nachdem ich die Klamotten gewechselt habe, angefangen habe, diesen Text zu schreiben. Die Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen, anstatt sie als Emotionen heraus zulassen.
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Zwischendurch meldete sich meine beste Freundin und versuchte mich sogar anzurufen. Keine Ahnung, ob sie nur quatschten wollte, oder ihre Welt unterging…
Aber ich schrieb ihr folgende Nachricht zurück:
“…, ich lieb dich sehr… aber ich kann nicht zurück rufen. Ich kämpfe gerade mit den Tränen und mit Panik und wenn ich dich jetzt am Telefon habe, heul ich mit absoluter Garantie los… und ich bin sehr sicher, dass wir das beide gerade nicht brauchen.“
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Vor ein paar Jahren hätte ich alles mit mir selbst ausgemacht und in mich hinein gefressen. Heute teile ich ihr sowas mit und weiß, sie ist da für mich. Sie hat mir als Antwort irgendeine Sprachnachricht geschickt, die ich gleich, wenn ich alles online habe, abhören werde. Ich bin mir sicher, dass sie mir mitteilen wird, dass sie da ist und immer erreichbar ist, wenn ich doch ein Ohr zum reden brauche… Es tut gut dies zu wissen und noch viel besser tut es, zu wissen, man braucht nicht in Panik verfallen, man muss sich nicht aus lauter Druck wieder selbst verletzen, oder oder oder… man darf einfach mal für den Moment ein Igel sein, sich zurück ziehen und pieksen, im nächsten Moment aber wieder hervor kommen und sich vom Menschen aufpäppeln lassen.
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Mindestens genauso gut tut es, dass ich für mich das schreiben wieder entdeckt habe. Es mag sein, dass es nicht viele lesen, was vollkommen okay ist. Doch für mich ist es eine Art Druckausgleich. Emotionen in Worte fassen. Gedanken aussprechen. Menschen mitteilen, wieso ich so bin, wie ich bin.
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Und wie ich langsam das Gefühl habe, der Text kommt zum Ende, so merke ich: Ich wünschte mir so sehr, meine Eltern hätten nur annähernd solch ein Verständnis und solche eine Empathie, wie all die Follower und Leser meiner Instagram-Seite, meines Blogs oder meiner YouTube-Videos. Sie würden nur ansatzweise so mit mir umgehen, wie die Menschen, die verstanden haben, dass rationales Denken nicht in meiner Welt vorgesehen ist und ich mit vielen Dingen kämpfe, die für andere Menschen absolut normal sind. 
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Stattdessen weiß ich aber, dass sie es nie ganz verstehen werden und sie es auch nach dem 22.352.435.246 Mal Klartext sprechen, immer noch nicht gelernt haben, dass das Leben für mich eben komplett anders ist, als für sie. Dass ich niemals so denken und fühlen werde wie sie. Und dass ich niemals so entspannt durch‘s Leben gehen werde, wie sie das Tag ein, Tag aus, tun.
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Es ist frustrierend, wenn man weiß: Das einzige, was meine Familie und mich noch verbindet, ist der Zwerg, der bald auf die Welt kommt und außer mir, keine Tanten und Onkels haben wird… und dass ich meinen Neffen groß werden, sehen möchte und nicht will, dass er das Kind ist, dass später allen antworten muss: „Ich habe eine Tante, aber die kenn ich nicht, weil meine Familie keinen Kontakt zu ihr hat.“
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Reicht, dass ich das mit meinem familiären Umfeld erlebt habe… Ben, muss das nicht erleben.
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Und wer bis hierher gelesen hat, darf mir gerne schreiben, dass er sich sein Fleißsternchen abholen möchte. 😀

Veröffentlicht von Kleinekaeferin

25. Freiberuflich im Zirkus unterwegs und über die Hälfte ihres Lebens psychisch erkrankt. Alle Gedankengänge, die für Instagram zu lang sind, kommen in Zukunft hier hin.

Ein Kommentar zu “Warum ich Familie hasse und wie schnell ich in Panik verfallen kann

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