Es braucht Stärke, damit man um Hilfe bitten kann.

TW: Psychische Erkrankungen, Suizide und Social Media.

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Auf der Rückfahrt von Hamburg hab ich den Podcast „Zweitomate“ von Sturmwaffel und Fishcop angemacht und bin am Ende nochmal richtig ins Grübeln gekommen, was thematisch aber so gut zu den letzten Posts und Blogeinträgen passt.

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Freddie hat was sehr wichtiges gesagt: Über psychische Probleme reden, hat nichts mit Schwäche zu tun, sondern mit dem genauen Gegenteil – Es braucht unheimlich viel Stärke, wenn man drüber redet, dass es einem nicht gut geht!

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Ich kann zu 100.000% zustimmen! Es bedeutet unfassbare Stärke, wenn man sich seinen Problemen stellt und diese offen kund tut.

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Als ich vor sechs Jahren, mit gerade einmal 20 Jahren, mein absolutes Tief hatte (zu dem Zeitpunkt war ich bereits 7 Jahre erkrankt, aber bis dato eigentlich nur leicht und vor allem nicht richtig diagnostiziert) habe ich anonym auf Instagram und YouTube darüber gesprochen, später dann habe ich mein Gesicht dazu gezeigt. Vieles von damals existiert nicht mehr, oder ist auf Privat gestellt, aber in dem Moment half es, die Gedanken los zu werden.

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Mir folgen hier bei Instagram Arbeitskollegen, Freunde und auch die früheren Auftragsgeber haben das Profil schon gefunden. Oft genug wurde z.B im Job darüber getratscht, was ich poste. Neulich erst schrieb mir eine „Kundin“, dass die das Profil gefunden hat und mitliest. Aber auch Bekannte und ehemalige Wegbegleiter haben sich all die Jahre immer wieder untereinander ausgetauscht darüber.

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Ja, einerseits kotzt es mich an, wie viele Menschen über mich und mein Leben „tratschen“. Zum anderen ist es wahnsinnig strange, wenn man mitbekommt, dass der neue Kollege schon viel über mich weiß, bevor wir uns persönlich kennengelernt haben, weil er in meinem Account mitliest.

Und ja, es gab die Momente, wo ich dachte: Och nö… wieso musst du mich auf meine Posts ansprechen und warum auch noch ausgerechnet jetzt?!

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Aber trotzdem habe ich eines, all die Jahre gemerkt: Den Rückhalt, den man erfährt und die Rücksicht von Menschen, die ernst gemeint hinterfragen, wie es mir geht… das wäre niemals so gekommen, hätte ich nicht offen drüber geredet.

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Es gibt Menschen, die finden über Hashtags und Verlinkungen auf mein Profil und schicken mir die herzlichsten Nachrichten und Kommentare. Menschen, die ich nicht kenne. Menschen, mit denen ich mal gearbeitet habe. Manchmal Menschen, die ich seit Jahren nicht gesehen habe. Und manchmal Menschen, die mir schon ewig folgen und mir nach all den Jahren sagen, wie schön sie es finden, dass ich immer noch lebe, immer noch kämpfe und mittlerweile wieder lächeln kann!

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Aber nebst dem, was die Menschen, die ich nur via Social Media kenne, an Reaktion zeigen, kommt auch aus dem nächsten Umfeld eine Antwort.

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Wie oft saß ich meiner besten Freundin gegenüber, die nun über 10 Jahre an meiner Seite ist und wusste nicht, wie ich ihr erklären soll, was in meinem Kopf vor sich geht. Erst gestern Morgen im Auto, auf dem Weg nach Hamburg, wusste ich nicht, wie ich ihr erklären soll, dass ich gerade überfordert mit Gedanken und Emotionen bin und diese gerne rausgelassen hätte, aber nicht wusste wie.

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Am Abend, als sie noch unterwegs war und mein Kopf zur Ruhe kam, konnte ich es in Worte fassen. Ich habe es in Form eines Blog-Eintrags gepostet. Ich weiß, dass sie es gelesen hat, oder lesen wird. Ich weiß, dass sie mich nicht aktiv drauf ansprechen wird, wenn ich nicht selbst was dazu sage… aber ich weiß, dass sie was daraus mitnimmt. Das sie liest, dass ich in dem einen Moment nicht wusste wohin mit mir, nicht wusste wie ich es rauslassen soll und ich für die Zukunft in solchen Situationen einen Plan brauche. Sie wird beim nächsten Mal wissen, was mir durch den Kopf geht. Sie wird wissen, dass ich überfordert bin. Sie wird sich überlegen, wie sie reagieren kann, oder viel mehr, wie sie mir helfen könnte.

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Über die Jahre habe ich gelernt, mit ihr auch persönlich über sowas zu reden und glaubt mir: Wenn jemand ein Gefühl für mich und meine Emotionen, Gedanken und Probleme hat, dann sie. Es gibt Tage, an denen ich mir denke, dass ich neben ihr eine Panikattacke sondergleichen haben könnte… und ich wüsste in dem Moment trotzdem, dass ich sicher wäre. Da wäre jemand, der mich da durch begleitet, dort rausholt und die grausame Welt von mir abschirmt, damit ich in Ruhe, zur Ruhe kommen kann.

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Es gab schon mal Idioten, die sich über mich und meine Art negativ geäußert haben. Die nicht damit umgehen konnte, dass ich offen über mich, mein Leben, meine Sorgen, Ängste, Nöte, aber auch über die Freuden reden konnte.

Es gab Idioten, die meinten darüber herziehen zu dürfen… aber wisst ihr was? Auf jeden Idioten, der was negatives über mich gesagt hat, kamen 10 Leute, die hinter mir stehen, mich verstehen, oder zumindest Verständnis für mich haben und die mich unterstützen, so wie es in ihrer Macht liegt, oder so, wie sie glauben, dass es Sinn machen würde.

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Psychische Erkrankungen sind kein Tabuthema und dürfen auch nie wieder zu einem werden! Da draußen sind so viele Menschen, die von uns, denen, die ihre Gedanken und Gefühle in Worte fassen können, lernen können. Die lesen können, wie wir damit umgehen. Wie wir den Kampf überleben. Wie wir uns selbst ein Lächeln zurück erkämpft haben. Das in unserem Gehirn zwar gewisse Dinge nicht „normal“ funktionieren und uns damit vor große Hürden stellen, wir dadurch aber nicht komisch oder bescheuert sind und deswegen auch nicht an den Rand der Gesellschaft gehören.

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Im Gegenteil: Wir gehören mitten hinein! Zwischen all die, die „normal“ ticken, um aufzuklären. Aber vor allem zwischen all die, die „vermeintlich normal ticken“ um zu zeigen: Es ist okay anders zu ticken und es ist okay, wenn man nicht der Norm entspricht. Damit eben genau diese Menschen sich anschauen können, wie man diesen Kampf lange kämpfen kann und am Ende sogar vielleicht auch gewinnen kann!

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Haltet durch! Gebt nicht auf zu kämpfen! Und redet… nur so kann euch geholfen werden!

Und wer niemanden im persönlichen Umfeld zum reden hat:

https://www.telefonseelsorge.de/

Per Telefon 0800 / 111 0 111 , 0800 / 111 0 222 oder 116 123

Per Mail und Chat unter online.telefonseelsorge.de

Veröffentlicht von Kleinekaeferin

25. Freiberuflich im Zirkus unterwegs und über die Hälfte ihres Lebens psychisch erkrankt. Alle Gedankengänge, die für Instagram zu lang sind, kommen in Zukunft hier hin.

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