Mein Glaube an die Ärzte und wie ich ihn ab und an, wieder zusammenflicken muss

„Fehlender Optimismus ist auch ein Zeichen dafür.“ – Zitat: Meine Mutter
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Ich sollte in Zukunft wirklich das Handy irgendwo anders in die Wohnung legen, wenn ich baden gehe, aber so ohne jede Beschallung liege ich keine 10 Minuten in der Badewanne. Also hab ich heute z.B. Ludovico Einaudi angemacht und es nebenbei laufen lassen…. tja, leider hat mich vorher ein Gedanke nicht los gelassen.
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So saß ich also nun in meiner 42,5°c heißen Badewanne, auf den Wannenrand gelehnt, mit Zetteln in der Hand und studierte meine Blutergebnisse von 2010, 2014, 2019 und den Frischen von 2020.
Da durchzublicken ist ein wenig Hexenwerk, weil es jeder anders auflistet, und Werte mal drauf sind, dann wieder nicht, aber immerhin sind sie immer so nett und schreiben Normwerte dazu. Manchmal kennzeichnen sie sogar, welcher Wert, wie nicht in die Norm passt, ob er zum Beispiel zu hoch, oder zu niedrig ist.
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Relativ schnell steht für mich fest: Da sind vier, fünf Werte, die sind seit zehn Jahren (möglicherweise länger, aber das lässt sich nicht mehr nachvollziehen), konstant aus der Norm. Wir reden von Stellen nach dem Kommata und da von wenigen Punkten, aber sie sind außerhalb der Norm. Immer schon und auch immer sehr ähnlich. Dazu gesagt hat mir bisher nicht ein Arzt etwas. Das einzige, was immer kommentiert wurde, war der Eisenwert, der nicht passte. Der war immer schon zu niedrig. Ich hab als Kind deswegen ja auch schon Eisenpräperate genommen. Kurze Zeit, weil ich es sch*** fand, aber bekannt ist das schon ewig und drei Tage. Alles andere wurde nie kommentiert.
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Bis zu meinem Krankenhausaufenthalt letzte Woche. Da hieß es plötzlich, der TSH-Wert sei auffällig, was auf die Schilddrüse hindeutet. Bedingt durch die Anamnese und die Vorerkrankungen meiner Mutter, bekam ich die Empfehlung, den Wert in sechs Wochen kontrollieren zu lassen. Ist er dann immer noch aus der Norm, könnte die Schilddrüse wohl wirklich betroffen sein.
Den Verdacht hatte der Arzt vor 1 1/2 Jahren auch schon, weshalb auch er die Blutproben bzgl. der Schilddrüse hat testen lassen. Tja, kam damals nichts bei rum. Der Wert war vor 1 1/2 Jahren unauffällig. Dort wiederum hieß es, der Eisenwert ist viel zu sehr aus der Norm. Das wurde diesmal im Krankenhaus nicht kommentiert, obwohl ich nachfragte… und mir wurde gesagt, der sei okay. Ja, mit genau einem Punkt ist er im Normbereich. Einen Punkt weniger und er wäre auch wieder raus aus der Norm gewesen.
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Ich weiß, an der Stelle kann ich den Ärzten nur bedingt Vorwürfe machen. Damals als Kind war ich bei einem anderen Arzt, als ich es dann als „älterer“ Teenager war. Dann kam der Umzug nach Berlin, der nächste Arztwechsel, vom Orthopäden kam die Überweisung zum Rheumatologen, dann zum neuen Hausarzt und dazwischen und danach gab es dann noch drei Klinikaufenthalte und so schaffe ich es auf mindestens zehn Ärzte/Kliniken, die mir in meinem Leben mal Blut gezapft haben. Keiner von denen, hat mal mit seinem Vorgänger gesprochen, oder konnte irgendwo im System nachschauen, was die vorherigen Untersuchungen ergeben haben. Da sind wir leider in Deutschland auf einem schlechten Stand der Dinge. Ärzte müssen sich erst die Unterschrift ihrer Patienten einholen, um vergangene Akten anfordern zu dürfen. Würde man beim Arzt sitzen, er könnte direkt eine einheitliche Krankenakte aufrufen und nachsehen, was die Vorgänger so gesagt haben, würde das vermutlich viele Wege und Umwege ersparen… und vermutlich hätte irgendwer vorher schon mal gesagt, dass die Werte komisch aus der Norm sind und das über lange Zeit. Man hätte vielleicht eher angefangen nachzuforschen woran es liegt.
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Nun ist es wieder an mir, zu meinem letzten Hausarzt zu fahren, ihm alles, was ich an Unterlagen habe, hinzulegen und zu sagen: „Mach was draus, sonst werde ich irre.“
Und dann ist er am Zuge sich seine Zeit um die Ohren zu schlagen, alles durch zugehen und einen Schlachtplan zu erstellen. Ob er das tun wird, bleibt fraglich.
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Ich würde gerne sagen, mein Glaube an die Ärzte ist irgendwie gestorben… dann könnte ich einfach weiter mit meinen Schmerzen und Problemen leben und vermutlich viel zu früh irgendwann tot umfallen, weil ich nie adäquat behandelt wurde. Tatsache ist aber, dass es mich in den Wahnsinn treibt nicht zu wissen, was es nun ist und ich Antworten haben will… auch, wenn ich diese in der Vergangenheit schon so oft gesucht und nie gefunden habe.
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So kam es nun, dass ich, nachdem ich die Blutergebnisse studiert habe, meiner Mutter schrieb. Ich hätte mir denken können, was sie sagt und das ich da nichts mit anfangen kann, aber sie ist an der Schilddrüse erkrankt, also schien es eine gute Idee, sie nochmal auf die Werte anzusprechen. Wir diskutierten schnell darüber, dass ich doch mal testweise Medikamente nehmen müsste, auch wenn es nicht gesichert ist, dass die Schilddrüse kaputt ist. Dafür bräuchte es ja aber einen Arzt, der mir sagt, dass das Sinn macht. Da die Ärzte aber alle Jahrelang gesagt haben, da sei nichts, wird ja keiner sowas mitmachen… und selbst wenn ich in sechs Wochen wieder Blutzapfen lasse, wird der Wert sich ja vermutlich nicht geändert haben, es also weiterhin keinen Anlass geben, wieso man was tun müsste. Wir drehten uns schnell im Kreis, weil ich das Prozedere mit den Ärzten schon kenne, sie es ja aber tausendfach betonen musste, wie das eigentlich laufen sollte. Ja, eigentlich und wirklich, sind zwei verschiedene paar Schuhe. Die passen nicht zusammen. Weder in Form, noch in Farbe, Material oder Größe. Gibt nur entweder oder, aber nicht eigentlich und wirklich in einem Satz. Das macht grammatikalisch keinen Sinn. Nie und zu keiner Zeit.
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So kam also irgendwann die Aussage meiner Mutter: „Wenn man immer in der Unterfunktion ist, ist das Leben immer anstrengend.“
Meine Antwort: „Was weiß ich, ob das Leben anstrengend ist. Ich kenn es nicht anders als so.“
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Womit ich meines Erachtens nach, auch Recht habe. Wenn wir annehmen, dass meine Schilddrüse wirklich schon seit Jahren kaputt ist, woher soll ich das wissen, bzw wie soll ich das merken, wenn es mir keiner sagt?
Ich bin psychisch erkrankt und ja, ich weiß, psychische Probleme können auch daher kommen, bei mir sind sie aber vor allem auf traumatischen Erlebnissen basierend und wir reden nicht von „einer kleinen Depression“, sondern schweren Störungen der Psyche, wie z.B einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung des Borderline-Typs. Die kommt nicht nur von einer kaputten Schilddrüse. Einem Hirntumor würde ich sowas zutrauen, aber den beschwören wir besser nicht noch hervor.
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Für mich war es immer ein Kampf aufzustehen, Dinge zu erledigen, mit dem Leben klar zu kommen. Solange ich denken kann. Und solange ich mich zurück erinnere, kam das immer in Verbindung mit psychischen Problemen einher. Woher soll ich nun wissen, dass es auch noch eine andere Seite an mir geben könnte. Die, die den ganzen Tag machen und tun kann und kaum aus der Puste kommt. Die nicht nach drei Stunden sozialen Kontakten schon todmüde sein kann.
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Die es aber auch lang genug geschafft hat, ein enormes Arbeitspensum zu fahren. 2018 und 2019 habe ich teilweise 9 Wochen am Stück gearbeitet, ohne freien Tag. Mit Zirkuszeltaufbau-Tagen; etlichen Kilometern durch‘s Schulgebäude rennen; tausende Kilometern und Stunden auf der Autobahn und den ganzen Tag sozialen Interaktionen. Morgens mit Kunden, nachmittags und abends mit Kollegen. Da war ich auch mal müde, hab aber, nebst den durchschnittlichen 8 Stunden Arbeit + außer Haus leben, teilweise 20 Stunden Arbeitstage durchgezogen, ohne dass es mich den Tag drauf umgehauen hat.
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Ich weiß nicht, ob mein eigentliches normal, nicht viel energetischer wäre. Hab ich ja nie austesten können, bzw finde ich es unmöglich mein Teenager-Leben mit meinem heutigen zu vergleichen.
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„Fehlender Optimismus ist auch ein Zeichen dafür“
Die Antwort meiner Mutter darauf. Was soll ich dazu sagen? Herzlichen Dank für nichts? Wo zum Geier hab ich denn jetzt gesagt, dass ich kein Interesse am Leben habe, mir alle Perspektiven fehlen, ich keine Zukunft für mich sehe und allen Optimismus aufgegeben habe? Kleiner Tipp: Ich hab gestern Nacht wieder zwei Bewerbungen weggeschickt, obwohl ich immer noch nicht wieder zu Kräften gekommen bin, seitdem Krankenhausaufenthalt. Wenn ich „ach so ohne Optimismus“ sei, hätte ich das mit Garantie nicht getan.
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Zwischen extrem genervt sein, weil man sich über ein Jahrzehnt mit seiner Gesundheit herum plagen muss und einem keiner sagt, was es ist, und keinen Optimismus haben, liegen Welten. Viele Welten.
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Und während ich mich ärgere, dass wieder einmal alles auf der Stelle tritt und sich scheinbar nichts ändert, weiß ich trotzdem, dass ich einen Termin bei meinem letzten Hausarzt machen muss. Ich muss hin, ihn wieder drauf ansprechen, diesmal auch mit dem Krankenhausaufenthalt konfrontieren und wieder einmal mehr auf die Nerven gehen, dass ich Antworten brauche. Irgendwann, ob nächsten Monat, nächstes Jahr oder in einem Jahrzehnt, wird es Antworten für mich geben. Da bin ich sicher.
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Und bis dahin verliere ich ab und zu meinen Glauben an die Ärzte, um ihn Minuten später, mühsam wieder aufzusammeln und wieder zusammen zu puzzlen.

Veröffentlicht von Kleinekaeferin

25. Freiberuflich im Zirkus unterwegs und über die Hälfte ihres Lebens psychisch erkrankt. Alle Gedankengänge, die für Instagram zu lang sind, kommen in Zukunft hier hin.

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