Von kuriosen Träumen und einem Musiklehrer, der zehn Jahre später noch Eindruck hinterlassen hat.

Manchmal hat man komische Träume und heute war einer dieser Tage, wo ich wach geworden bin und mich direkt fragte: Wie kommt man auf solch einen Mist? Aber recht schnell wurde mir klar, wie man darauf kommt. Ich versuche euch eine Kurzfassung des Traum zugeben:


Schulszenario, allerdings keine meiner ehem. Schulen, sondern am Ende das Filmset von „Schloss Einstein“, bzw „In aller Freundschaft – Die Jungen Ärzte“. Fragt mich nicht, wieso ausgerechnet das Setting in meinem Kopf war.. Vielleicht, weil ich seit Tagen denke, dass ich IAF-DJÄ noch aufholen muss. 😀


Jedenfalls bin ich in voller Panik aus einem Klassenzimmer gestürmt. Wovor ich Panik hatte, weiß ich nicht. Ein Haufen Lehrer und Sozialpädagogen ist hinterher gestürmt und hat mich durch das Gebäude gejagt. Immer wieder wurde ich in Ecken getrieben und man wollte mich festhalten um mich zu beruhigen, was ich aber extremst abgelehnt habe und wodurch ich regelrecht zur Furie wurde, damit mich niemand anpackt. Ich hab geschrien, geweint und gleichzeitig geatmet, als würde ich gleich vor lauter Hyperventilation tot umfallen. Ich hab um mich getreten und geschlagen, damit mir niemand zu nahe kommt.

Plötzlich waren alle weg, außer mein Musiklehrer von der Gesamtschule. Dieser hat ganz ruhig auf mich eingeredet und mich mit viel Fingerspitzengefühl zur Ruhe gebracht und mir das Gefühl gegeben, sicher zu sein. Dass es okay ist, eine Panikattacke zu haben, ich aber eigentlich sicher bin und mir nichts passiert. Ich stand vollkommen aufgelöst und heulend vor ihm, konnte mich aber binnen von Sekunden beruhigen. Begleitet von seinen beruhigenden Worten, wurde ich wach.

Irgendwie fühlte es sich als erstes wie ein Alptraum an, Sekunden später aber gar nicht mehr. Das erste Mal in meinem Leben, hat mich in einem schlimmen Traum niemand umgebracht, oder die Absicht gehabt und das erste Mal in meinem Leben, hat jemand eine richtige, ausgeprägte Panikattacke von mir miterlebt und mich trotzdem beruhigen können.

Meine größte Angst: Irgendwann eine Panikattacke des vollen Ausmaßes in Gegenwart anderer zu haben. Von dem Part, dass mich andere dann versuchen zu beruhigen, will ich mal ganz absehen. Die Vorstellung in Panik zu verfallen und von anderen beobachtet zu werden, ist ein realer Alptraum.

Es ist komisch, dass in meinem Traum genau das passiert und mich mein Musiklehrer tatsächlich binnen von Sekunden zur Ruhe bringen konnte. Für die Realität vollkommen unvorstellbar, dass dies so laufen könnte, aber im Traum fühlte es sich tatsächlich irgendwie gut an. Deswegen empfand ich es auch ganz schnell nicht mehr als Alptraum, sondern einfach als intensives Träumen. Egal wie groß die Angst vor einer Panikattacke in Gegenwart anderer Menschen ist, hoffe ich, dass der Mensch, der bei mir wäre, mich genauso zur Ruhe bringen könnte.

Der ein oder andere fragt sich nun bestimmt, wieso ich eigentlich nach 10 Jahren, die ich nicht mehr regulär zur Schule gegangen bin, wenn wir die drei? Monate Abendschule vor sechs Jahren mal außer Acht lassen, von solch einem Szenario träume. Zumal ich mich im Traum nicht als Schülerin gesehen habe, sondern einfach als die aktuelle Marie.
Tja… Ich kann die Lösung tatsächlich nennen, wofür ich aber etwas ausholen muss.

Ich habe letztes Jahr meine Patientenakten aus den beiden Kliniken angefordert, in denen ich mal stationär war. Die große von beiden, ist meine Akte aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie, in der ich vor 10 Jahren, für neun Wochen war. Die Kurzfassungen dazu gibt es als eigene Kategorie im Blog. 😉


Ich hab sie letztes Jahr nach Erhalt schon einmal gelesen, gefühlt aber nichts behalten. Irgendwie ist nichts davon hängen geblieben. Vor ein paar Tagen habe ich sie wieder herausgeholt und nochmal Auszüge davon studiert, weil ich für den Blog ein paar Infos brauchte. Auch diesmal blieb nichts im Hirn hängen. Nach drei Seiten verschwamm alles zu einem großen Matschebrei in meinem Hirn und einzelne Sachen heraus zu filtern, war nicht mehr möglich. Mich ließ es nicht los, dass ich nicht in der Lage war, auch nur simple Auszüge in meinem Kopf zu behalten. Ich wollte wissen, was ganz genau drin steht. Die Details wahrnehmen und auch erinnern.

Wenn ich eines über mich weiß, dann das, dass ich mir alles tausendfach besser merken kann, wenn ich es selbst aufschreibe. Ich habe also begonnen, meine komplette KJP-Akte abzutippen. Haltet mich für wahnsinnig, diese fette Akte abzutippen und vielleicht bring ich es auch nicht zu Ende, aber es hat irgendwas meditatives am Abend diese Zettel ab zu tippen und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass ich mir tatsächlich mehr merken kann.

Eine der letzten Dinge, die ich getippt habe, drehte sich um einen Schulversuch. Schulversuch heißt so viel wie: Patient der stationären KJP, fährt morgens von der Station zur Heimschule und versucht dort am Unterricht teilzunehmen. Am Anfang einen Tag, dann zwei Tage die Woche, bis man es so weit steigern kann, dass der Patient wieder regulär zur Schule gehen kann und ambulant weiterbehandelt werden kann.


Bei dem speziellen Schulversuch war leider alles nicht so einfach. Ich habe nach der dritten Stunde die Flucht ergriffen. Also vielmehr muss ich irgendwie die Station kontaktiert haben und dann frühzeitig zurückgekehrt sein. Ich kann euch nicht mehr sagen, wieso genau es so war. Die Akte sagt, dass ich wohl eigentlich gut drauf war und im Unterricht dann plötzlich daran denken musste, dass zu dieser Zeit im Gespräch mit dem Therapeut und meiner Familie thematisiert wurde, dass ich von der vollstationären Therapie, in die Tagesklinik wechseln sollte und mir dies dann wohl Kummer bereitet hat. Meine persönliche Erinnerung ist gleich null.

Wie ich das gestern Abend getippt habe, kamen mehrere Fragen und Gedanken in mir auf.

  1. Wie krass es ist, wie lange ich schon mit dieser Angststörung kämpfe. Ich habe damals die Schule aus Angst verweigert und konnte dann den Schulversuch nicht zu Ende bringen, weil mich das alles zu viel getriggert hat.
  2. Wie hab ich das damals eigentlich gemacht, dass ich wieder zur Station zurück durfte? Habe ich von meinem Handy aus angerufen und gesagt, ich will zurück? Bin in ins Sekretariat und habe denen gesagt: „Hallo, Ich bin die Marie … und möchte wieder zurück in die Klapse“?
    Habe ich einem Lehrer gesagt, dass ich zurück will und die haben das geklärt? Wie lief das ab? Ich weiß aus der Akte, dass es definitiv ein Telefonat aus der Schule mit der Station gab, weil man wohl noch versucht hat, mich zu beruhigen und zu ermutigen, dass ich den Schulversuch weiter versuche. Aber auch da: Persönliche Erinnerung ist gleich Null.

Es hat mir tatsächlich gestern Abend noch den Kopf gesprengt, weil ich es alles so unerklärlich fand, wie das damals gelaufen sein soll. Ich hab doch nicht einfach zu anderen Leuten gesagt, dass ich zurück in die Klinik will, oder? Die Frage wird mir wahrscheinlich niemals beantwortet.

So wusste ich aber heute morgen beim wach werden, wieso ich das alles geträumt habe. Ich habe das verarbeitet, was mir gestern noch durch den Kopf gegangen ist. Auf eine etwas komische Art und Weise, aber es ist passiert. Soll nochmal jemand sagen, man würde immer nur Sch*** träumen, die vollkommen zusammenhanglos sei. Ich könnte mit der Geschichte das Gegenteil widerlegen.

Aber wisst ihr, was mich bei der ganzen Sache etwas zum lächeln gebracht hat? Ich habe gegen alle anderen Lehrer und Pädagogen gekämpft und konnte niemanden in meiner Nähe ertragen. Nur mein Musiklehrer wurde geduldet. Ich könnte jetzt sagen, dass er halt mein Lieblingslehrer war, aber das würde ihm nicht gerecht werden.

Es gab eigentlich keinen Schüler, der ihn nicht leiden konnte. Zumindest erinnere ich das so. Seine lockere, offene Art war bei jedem willkommen, er wusste aber trotzdem immer genau, wo die Grenzen zu ziehen waren, ohne dass er dabei jemandem unnötig blöd gekommen ist.
Auch war seine Herangehensweisen an den Unterricht mal was anderes. Aktueller und näher am Schüler hätte man nicht sein können.

Ich erinnere mich noch, dass wir im Unterricht das Thema „Suizide“ behandelt haben. Wir haben „The Fray – How to save a life“ angehört und nachgespielt und uns damit beschäftigt, worum es in dem Lied geht. Wir sprachen darüber, wie der Sänger von „The Frey“ davon singt, dass er sich selbst Vorwürfe an dem Suizid eines Freundes macht.

Das war damals genau die Zeit, wo ich mich angefangen hatte, selbst zu verletzen, depressiv war und mich immer mehr zurück gezogen habe. Mich hat das Thema damals extrem interessiert und ich war dankbar, eine Stimme bekommen zu haben, in Form von Musik. Mein Musiklehrer hatte das bemerkt. Gleichzeitig hat es mich mental aber auch extrem gefordert und belastet. Ich musste zwischendurch vor die Tür, weil es mir nicht gut ging und ich das Gefühl hatte, gleich los zu weinen oder alles kurz und klein zu schlagen, weil ich nicht wusste wohin mit mir.

Er hatte mir damals erlaubt mal ein paar Minuten raus zu gehen und kam irgendwann zu mir raus, während die anderen eine Aufgabe bekommen hatte. Er hat kein Gespräch aufgezwungen. Nur gefragt, ob ich okay sei, oder mir das Alles zu viel wird. Ich kam zurecht und brauchte kein Gespräch mit ihm, aber die Art und Weise wie er auftrat, war genug um zu wissen, da ist jemand der mitbekommen hat, wie schlecht es mir eigentlich geht, der sich aber trotzdem nicht dauernd und penetrant aufzwingt.

Wie sehr ich meinen Musiklehrer und seinen Unterricht mochte, konnte irgendwann jeder sehen. Es gibt ein Zeugnis von mir, mit über 400 Fehlstunden. Ich bin irgendwann quasi nie mehr in der Schule gewesen. Hätte man eine Auflistung der Tage, die ich da war und derer, die ich gefehlt habe, hätte jeder, der die Auflistung sehen würde, eine konkrete Frage: „Was war am Dienstag und Donnerstag so besonders?“

Es waren die beiden Tage, an denen ich insgesamt vier Musikstunden hatte. Musik war damals mein Wahlpflichtfach II, so kam ich in der Woche auf vier Musikstunden. Damals konnte ich auch damit leben, dass es die langen Tage bis 15.15, bzw 16.00 Uhr waren und wir an einem der Tage Sport hatten.

Da hab ich ja irgendwann auch nicht mehr mitgemacht, aus Angst mich zu blamieren und mal wieder blöde Kommentare meines Sportlehrers (und Stufenleiters) zu bekommen, wie unsportlich ich sei. Damals war ich übrigens noch gar nicht soooo unsportlich und sogar Sport interessiert, nur eben nicht an Drill-Bundeswehr-Sportunterricht mit „wie lange kannste im Kreis rennen“, „andere mit Bällen abwerfen“, oder „bei den Bundesjugendspielen verka***“. Also saß ich immer mit einem kaputten Fuß, der sich nicht kurieren lässt; meinen Tagen; oder Erkältungen am Rand, oder war gar nicht erst anwesend.

Den Musikunterricht aber, hätte ich niemals geschwänzt, außer es ging gar nicht anders. Meine Noten in Musik waren auch konstant auf 1, egal ob Theorie, Praxis, Tests, Vorträge, oder sonst was. Mein Musiklehrer hat auch viele Jahre später einen gewissen Eindruck hinterlassen. Ich verbinde Schule mit so gut wie nichts gutem… mit Ausnahme meines Musiklehrers, der immer bemüht war, seine Schäfchen beisammen zuhalten und keines zu verlieren.


Er war lange auch der Grund, warum ich Musik studieren und Lehrerin werden wollte. Ich wollte Schülern genauso eine gute Lehrerin sein, wie er uns damals. Tja, kam am Ende aber eben alles anders als gedacht und heutzutage weiß ich nicht mal, wie meinen Schulabschluss jemals nachholen soll, wie die beiden Abendschulversuche und ein Fernstudiumsversuch ja gezeigt haben. Gut, die Fernschule hätte klappen können, aber im Nachhinein bin ich froh, es rechtzeitig gekündigt zu haben, weil ich mir das aktuell in Zeiten von Corona, niemals leisten könnte.

Ich hab vor zwei Jahren eine der Musical-Produktionen besucht, die jährlich an der Schule stattfinden. Mein Musiklehrer und eine Kollegin von ihm haben eine gemeinsame „Musikklasse“, bzw mittlerweile gibt es wohl tatsächlich einen richtigen „Musicalzweig“, den man wählen kann. Mit den Schülern studieren sie jedes Jahr Musicals ein und führen diese über einige Tage auf, aber im großen Aufzug. Nichts kleines, Hinterhofmäßiges, sondern wirklich ordentliche Produktionen.

Leider hatte sich damals nicht die Chance ergeben, mich mit ihm zu unterhalten. Er war zu beschäftigt und ich wollte nicht stören, vor allem aber nicht komisch auffallen, zwischen all den Eltern und ihren Kindern, die dort zur Schule gehen. Schlimm genug, dass ich auf meine ehemalige Klassenlehrerin gestoßen bin. Chance vertan ihm mal wieder Hallo zu sagen und mitzuteilen, was er eigentlich für einen positiven Eindruck hinterlassen hatte. Wer weiß, vielleicht bringt der Zufall irgendwann nochmal die zweite Chance.

Ich würde mich freuen, ihm das nochmal mitteilen zu können, dass ich immer großen Respekt vor seiner Arbeit hatte und auch heute noch bewundere, wie man in unserem Schulsystem so coolen Unterricht machen kann und den Respekt seiner Schüler, aber auch den Respekt gegenüber den Schülern, nie verliert. Hab ich in meinem bisherigen Job selten gesehen… und ich habe viiiiiiiiiele Schulen und Lehrer gesehen, die diese Balance über lange Zeit nicht aufrecht erhalten konnten.

Ich ziehe meinen Hut, Mister Little.

Veröffentlicht von Kleinekaeferin

25. Freiberuflich im Zirkus unterwegs und über die Hälfte ihres Lebens psychisch erkrankt. Alle Gedankengänge, die für Instagram zu lang sind, kommen in Zukunft hier hin.

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