Hallo Zwerg, die Tante aus der Vergangenheit hier

Hallo Zwerg,

Wir haben heute den 27.05.2020, sprich es sind noch etwa drei Monate bis Du das Licht der Welt entdecken solltest.

Du weißt gar nicht, wie sehr ich mich mittlerweile auf Dich freue und wie groß aber auch die Angst ist, dass dir etwas passieren könnte. Mein Bruder hat gestern irgendwie komisch reagiert, als ich über ein sechs Monate altes Baby sprach, das neben uns Terz machte, während wir ein Sofa abgebaut haben. Meine Alarmglocken gingen direkt an und die Angst war da, dass auch dir etwas passiert ist. Ende letzten Jahres haben deine Eltern sich schon mal auf ein Kind gefreut und wir waren schon mal alle ganz gespannt wie das sein würde, wenn da so ein Zwerg in die Familie kommt. Nur wenige Wochen nachdem wir erfahren haben, dass ein Zwerg unterwegs ist, kam der Schock, dass der/die Zwerg/in nicht stark genug war. Wenige Wochen alt, mussten deine Eltern den Gedanken an einen eigenen Zwerg gehen lassen. Du weißt gar nicht, wie traurig wir alle waren und ich glaube, meine Familie hat wieder den komplett verkehrten Weg gewählt, wie so oft schon im Leben. Es wurde einmal drüber gesprochen und seitdem ist dein Geschwisterchen nie wieder Gesprächsthema gewesen, wenn wir davon absehen, dass die Schwangerschaft mit dir immer mit Angst behaftet war und die ersten 12 Wochen ein reines Bangen waren.

Ich als Tante, trauere immer noch um dein Geschwisterchen. Ich wäre diesen Monat zum ersten Mal Tante geworden. Mir kullert manchmal eine Träne hinunter, wenn ich daran denken muss, was passiert ist, aber erzählen kann ich es in der Familie nicht. Deine Eltern reden nicht drüber, deine Großeltern auch nicht, wieso sollte ich dann die Wunden aufreißen?

Die ersten 12 Wochen mit dir waren ein ständiges Bangen. Jeder Tag, an dem man nichts über dich hörte, war eigentlich ein guter, weil so klar war, dass Du noch im Bauch deiner Mama bist und dich weiter dort breit machst. Mittlerweile seid ihr aus den kritischsten Phasen raus und die Vorfreude auf dich steigt bei allen stetig. Den Gedanken, dass mit dir irgendwas nicht okay sein könnte, streichen wir langsam immer mehr aus unseren Köpfen. Halte durch! Es sind nur noch drei Monate bis Du dich auf den Weg machen darfst. 😉

Ich hab schon ein Willkommensgeschenk für dich. Als erstes ist mir ein Strampler (oder nennt man es Body? Wo war da gleich der Unterschied?) mit einem Aufdruck begegnet, der perfekt zu deiner Tante passt und von Anfang an klar macht, dass Du mein Neffe bist.
“Eat. Sleep. Circus. Repeat.”
Bevor Du krabbeln oder reden kannst, wirst Du schon Zirkusdinge lernen, so viel kann ich dir versichern. Und wenn ich mich als Clownin oder Zaubererin für dich zum Affen machen muss.

Irgendwie hatte ich aber das Gefühl, es fehlt was bei dem Geschenk und eines Tages entdeckte ich, was fehlte. Dein Vater und ich hatten als wir noch klein waren, jeweils einen Dalmatiner-Stoffhund. Ich einen, der saß und mein Bruder einen, der liegt. Ich weiß, dass wir beide diese Dalmatiner sehr lange besessen haben, ich habe meinen sogar heute noch in der Vitrine stehen. Was mit dem deines Vaters passiert ist, weiß ich gar nicht so genau. Ich hab dann aber mal im Internet geforscht und den passenden kleinen Dalmatiner für dich gefunden. Es ist ein sitzender Welpe. Er sieht genau aus, wie unsere Stoffhunde. Ich bin mir sicher, dein Vater wird das Geschenk mögen und ich hoffe sehr, dass Du genauso an dem Hund hängen wirst, wie wir damals an unseren hingen.

Ich bin gespannt, was für ein Zwerg du mal wirst. Also, dass Du ein Zwerg und keine Zwergin wirst, sei wohl schon mehr als klar, sagte deine Mama. Ich bin nicht wirklich gespannt, wie du aussehen wirst. Da wird schon was schönes bei herum kommen, da bin ich mir sicher. Das sind alles zweitrangige Dinge. Ich bin gespannt, wie dein Charakter sein wird. Der Mix aus deiner Mutter und deinem Vater könnte sehr interessant werden. Ein wenig hoffe ich ja, dass Du das Selbstbewusstsein deines Papas bekommst und die offenen Arme deiner Mama. Dann wäre schon viel getan für einen perfekten Zwergen-Charakter.

Ich frage mich, wie das mit dir sein wird, wenn Du erstmal einen eigenen Kopf entwickelst und irgendwann in die Pubertät kommst. Wie Du das erleben und wie Du damit klar kommen wirst. Für deine Tante fing in der Pubertät ein steiniger Lebensweg an. Ich glaube fest, dass ich dir das irgendwann erzählen werde, wenn du alt genug bist, zu verstehen warum deine Tante so ist, wie sie ist.
Ich hoffe so sehr, dass Du in diesem Alter nicht schweigst, wie ich es damals getan habe, sondern Du zu deinen Eltern, Großeltern oder mir kommst, wenn Du Probleme hast und Hilfe brauchst. Ich hoffe, dass Du sagst, wenn es dir nicht gut geht und du mit irgendwas überfordert bist. Eigentlich hoffe ich aber viel mehr, dass wir dir vorher eine gesunde Portion Selbstbewusstsein, Selbstliebe und Respekt für andere mit auf den Weg geben konnten, so dass Du gar nicht erst in solche Schwierigkeiten gerätst, wie ich es damals bin.

Ich wünsche dir so sehr, dass Du niemals so tief fällst und so viele Hürden überwinden musst, wie ich es tun musste. Dass deine größten Sorgen die erste Liebe und der folgende Liebeskummer sein werden. Vielleicht auch mal schlechte Noten in der Schule oder den Ärger, den Du mit deinen Eltern irgendwann mal haben wirst. Dass Du mit 17 entscheiden sollst, was Du beruflich eigentlich machen willst und dich fragst, wie man mit 17 Jahren Entscheidungen für das restliche Leben treffen soll.
Ich hoffe, dass deine größte Sorge vielleicht irgendwann sein wird, dass Du probiert hast wie Kippen schmecken und nun den Zigarettenduft verheimlichen musst. Oder du nachts angetrunken nicht mehr weißt, wie Du nach Hause kommen sollst, nachdem du das erste mal Alkohol probiert hast.
Und ich sage dir jetzt schon: Ruf an, wenn Du irgendwo strandest. Ich hol dich dann ab und nehme dich im Zweifel mit zu mir nach Hause, damit Du hier deinen Rausch ausschlafen kannst, ohne dass es am nächsten Morgen direkt Stress mit deinen Eltern gibt. Den musst Du dann erst ertragen, wenn der Kopf nicht mehr brummt und der Magen nicht mehr flau ist.
Noch ein kleiner Tipp: Ich weiß noch, wie dein Vater damals versucht hat Kippenschachteln in seinem Zimmer zu verstecken und ich weiß auch noch, wie er das erste Mal zuhause ausgenüchtert hat und sich die Seele aus dem Leib gekotzt hat. Der war auch nicht immer besser.

Ich hoffe, dass ich für dich die Tante sein kann, mit der Du über alles reden kannst. Vom Liebeskummer, über den ersten Alkoholkonsum, zerronnene Freundschaften, nervige Lehrer, aber auch über wirklich ernste Probleme. Wenn dir irgendwann, aus welchen Gründen auch immer, der Kopf platzt und du nicht mehr weißt, wohin mit den ganzen Gedanken in deinem Kopf. Ich hoffe, dass Du redest und nicht schweigst. Dass Du um Hilfe fragen kannst und dich nicht schämst, auch mal “schwach zu sein”.

Ich wünsche mir nichts mehr in dieser Welt, als dass Du wohlbehütet, weltoffen und glücklich groß werden darfst und dich nichts in dieser Welt klein bekommt.

Ich hab’ dich jetzt schien sehr lieb, Zwerg. Deine Tante, die sich jeden Tag mehr auf dich freut!

Veröffentlicht von Kleinekaeferin

25. Freiberuflich im Zirkus unterwegs und über die Hälfte ihres Lebens psychisch erkrankt. Alle Gedankengänge, die für Instagram zu lang sind, kommen in Zukunft hier hin.

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