Wie mein Umfeld mit meiner Essstörung umgeht

Triggerwarnung: Essstörungen

Einer der beiden Nachrichtenverläufe ist mit einem Mensch, der mich mag, unterstützt und weiß, was so ein „gesundes“ Essen für mich bedeutet. 

Der andere Nachrichtenverlauf ist mit meiner Mutter.

Noch irgendjemand Fragen?
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Und ja, man kann sowas denken und ja, vermutlich hat sie in Teilen Recht. Es ist eigentlich ein Frühstück, so war es auch ursprünglich gedacht, aber ich hatte gerade Kohldampf und die Alternative wären Nudeln gewesen. Dann lieber Joghurt mit Kiwi, Erdbeeren, Heidelbeeren und Müsli. 

Der Sodbrenn-Teil gehört aber nicht zu dem Teil, wo sie Recht hat. Ich habe seit Jahren Sodbrennen, wenn ich den tagsüber so gut wie nichts gegessen habe. Vermutlich, weil ich trotzdem kohlensäurehaltige Getränke konsumiere.
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Wer mich länger kennt, kennt meine lustige körperliche Eigenschaft, wenn es um Hunger geht. Wenn ich Hunger habe, also einfach einen leeren Magen, dann muss ich niesen. So richtig feste, als hätte ich Staub in der Nase. Mehrfach. Ich weiß nicht, wie oft ich schon ausgelacht wurde, wenn ich das erzählt habe. Ich lache aber auch jedes Mal mit, weil es so absurd ist. Google sagt, es gäbe ein paar Menschen mit dem Phänomen, allerdings keine erwiesene Antwort auf die Frage, warum das so ist. Wir sind halt was besonderes. 😉
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Ich habe noch nie so richtig verstanden, wieso wir Menschen es uns anmaßen, das Essverhalten anderer zu kommentieren. Also ja, vermutlich sind mir auch schon mal Bemerkungen herausgerutscht a la „Als würdest du von sowas fett werden“, oder „Mal etwas ungesünder essen, ist ja kein Weltuntergang“. Am Ende ist es nichts anderes, als das, was ich so hasse: Andere Menschen auf ihr Essverhalten aufmerksam machen. Bei den einen nennt man es „fat shaming“, bei den anderen „skinny shaming“. Beides am Ende des Tages einfach unnötig und falls mich mal wer dabei erwischt, haut verbal ruhig zu. 😉
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Was ich bis heute nicht verstehe, ist wieso meine Familie das auch nach all den Jahren nicht begreifen will. Wie oft habe ich gesagt, dass ich eine Essstörung habe? Die Kjp vor 10 Jahren hat es thematisiert und trotzdem kam vor nicht mal zwei Jahren der Kommentar: „Ach, du hast doch keine Essstörung“.
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Das, wohl gemerkt, nachdem ich kund tat, dass ich nichts mehr hasse, als mit der Familie essen zu gehen. Das einkaufen ein Albtraum für mich ist. Das ich Fressanfälle habe.
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Ich hab es in meinem YouTube-Video erzählt, wie mein Werdegang mit psychischen Erkrankungen lief. Kurzfassung der Essstörung: Ich war als Teenager depressiv, hab tagsüber geschlafen und war nachts wach. Da ich tagsüber nicht gegessen habe, hatte ich nachts Hunger. Nach einigen Tagen hat meine Mutter abends die Küche verschlossen, ich musste anfangen essen zu horten und seitdem ist meine Essstörung Teil meines Lebens.
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Ich hab mich dran gewöhnt und mein Leben drum herum gebastelt.

Bei größeren Menschengruppen wird Essen meist abgelehnt und mit „ich habe keinen Hunger“ beantwortet, egal wie sehr der Magen knurrt. Einkaufen ging eine zeitlang mit Musik auf den Ohren, den immer gleichen Paar Produkten und nur in den vertrauten Geschäften, oder in Begleitung vertrauter Menschen.

Seit Corona muss ich mir eingestehen, dass einkaufen nicht mehr geht, dafür helfen Lieferdienste und der Real-Lieferdienst echt gut weiter. Ich habe sch*** Tage, an denen ich mir Packungen von Süßigkeiten rein ziehe und Tage, an denen ich gar nichts essen kann. Ich koche eigentlich echt gerne, aber der Stress der damit einhergeht, hält mich oft davon ab.
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Und… ich werde vielleicht niemals mehr zu einem „gesunden Essverhalten“ zurück kommen, doch das ist okay. Solange ich mir nichts verbiete und mich selbst nicht niedermache, weil ich schlechte Tage habe, ist das okay. Im Ursprung hat der Mensch gegessen, um zu überleben. Nicht um sich gut zu fühlen. 😉
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Ich wünsche mir oft, meine Familie würde das alles mitbekommen, was ich auf Instagram und YouTube von mir gebe. Den offenen und ehrlichen Umgang mit meinen Erkrankungen, meinen Tiefen, aber auch den Höhen. Ich wünschte, sie würden die Kommentare lesen, die ich bekomme. Von fremden Menschen, die mir sagen, wie cool sie das finden, dass ich meine Geschichte so offen erzähle. Ich wünschte, sie würden sehen, dass ihre Tochter jeden Tag kämpft, ein schönes Leben haben zu dürfen.
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Doch jedes Mal wieder fällt mir ein, wie oft ich es in der Vergangenheit schon angesprochen habe. Wie oft ich gesagt habe, was ich alles für Hürden im Leben meistern muss. Wie oft ich unter Tränen erzählt habe, wie schwierig das alles manchmal ist…
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… und wie oft ich Kommentare bekam wie:

„Du hast doch keine Essstörung“

„So schlimm, dass du in Therapie musst, ist das doch gar nicht“

„Du hattest halt mal eine schlechte Phase, aber das war doch nie wirklich Borderline“

Oder mein Favorit, auf meine Beichte hin, dass ich 11 Tage zur Krisenintervention in einer Klinik war:

„Na und? Was soll ich jetzt mit der Info anfangen?“
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Jedes Mal wieder, wenn ich es versucht habe, bin ich auf taube Ohren gestoßen, oder habe Ablehnung und Aberkennung meiner Erkrankungen bekommen.

Glaubt mir, meine Erkrankungen sind nichts, womit ich mich hinstelle und sage:
„Schaut alle her, ich bin ein armes Ding.“

Ich hab sie jahrelang den meisten Leuten verschwiegen, weil ich ein geordnetes Leben ohne große Tiefen hatte. Aber nun ist eben wieder ein großes Tief da und in meinem Fall ist es nicht ein schlechter Tag, oder mal ne schlechte Woche.

In meinem Fall bedeutet jedes Tief immer, dass ich ein erhöhtes Risiko für akut psychische Krisen habe. Das jedes Tief, mich an Ende des Tages töten kann, wenn ich mal wieder so richtig krass in ein Tief falle.
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Ich hab Freunde und Kollegen an meiner Seite, die versuchen dies zu verhindern. Die anerkennen, dass ich Schwächen habe und mir diese nicht ständig vorhalten. Wenn meine Familie das auch mal könnte.

Veröffentlicht von Kleinekaeferin

25. Freiberuflich im Zirkus unterwegs und über die Hälfte ihres Lebens psychisch erkrankt. Alle Gedankengänge, die für Instagram zu lang sind, kommen in Zukunft hier hin.

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